Flucht aus London

4. Juni 2012

Das Bangalore Express an der Waterloo Street ist berühmt für Curry & Rice Gerichte, deshalb war Karl Hackett nicht über die vielen Gäste verwundert, die zu später Stunde noch im Lokal aßen oder wie er, auf Fisch & Chips zum Mitnehmen warteten. Er saß im hinteren Teil des Lokals am Tresen und beobachte interessiert, wie eine junge Frau eine Stahlleiter aus einer der oberen Ess-Kojen herabkletterte. In der unteren Koje sitzend, starrte ein Mann kauend auf ihre schlanken Beine und die rosa Pumps. Die Kojen im Bangalore sahen aus wie überdimensionale Waben in einem Bienenstock. So konnte man auf kleinstem Raum viele Gäste unterbringen. Müde massierte Hackett seine Lider. Wie im Zeitraffer flogen die vergangenen Tage an seinem inneren Auge vorbei.

 

Professor Luis Sanchez wollte ihn töten. Das stand für Hackett ohne Zweifel fest. Er hatte den Wissenschaftler aus Mexiko vor wenigen Tagen spät in der Nacht dabei ertappt, wie er im Büro ihres Chefs saß und streng geheime Pläne von Trevor Hamps Computer an irgendwen mailte. Sanchez hatte dabei aufgeregt und auf Spanisch in sein Handy gesprochen. Hackett sprach auch Spanisch und hatte sofort begriffen worum es ging – Werksspionage. Seit einigen Jahren forschte Hackett in einem Team von Spezialisten für die England-Methan-Corporation an einer effizienten und möglichst risikolosen Gewinnung von Methangas. Sie waren kurz vor dem Durchbruch gewesen, als Professor Sanchez wohl davon überzeugt schien, dass er die letzten Puzzleteile auch alleine zusammenfügen könne. Er wollte den Ruhm ernten und eine für ihn unermessliche Geldquelle sprudeln lassen. Die Kugeln, die Sanchez ihm bei der Verfolgungsjagd durch die Kellergänge des Institutes nachgejagt hatte, waren knapp an Hacketts Kopf vorbei gesurrt. Grund genug für ihn, vorerst bei einem guten Freund unterzutauchen.

 

Am darauf folgenden Tag las Hackett in der London Times: Schießerei in den Kellerräumen bei der England-Methan-Corporation. Teamleiter Trevor Hamp wurde tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er hing leblos an einem Strick von der Decke. Ein Abschiedsbrief lag neben einem umgekippten Küchenstuhl. Woran Hamp und sein Team forschten, wurde nicht verraten - topsecret! Ein Verbrechen wolle man aber nicht ausschließen, sagte ein Inspektor von Scotland Yard bei der Pressekonferenz. Ein Wissenschaftler habe ausgesagt, dass ein gewisser Karl Hackett, ebenfalls Wissenschaftler bei England-Methan-Corporation, verschwunden sei. Es wäre möglich, dass Hackett und Hamp Werksspionage betrieben hatten. Über das Projekt, an dem gerade geforscht wird, wollte auch der südländische Wissenschaftler nichts aussagen. Vielleicht war es ja zum Streit gekommen und Hackett hatte sich entschieden, nicht mit Hamp zu teilen.  

Garry Bracket - London Times.

 

Abwesend trommelte Hackett mit seinen Fingern jetzt auf den langen Tresen des Bangalore. Warum dauert das heute so lange, dachte er und blickte nervös umher. Schweiß sammelte sich unter der Hutkrempe und er fürchtete, dass seine schwarz gefärbten Haare ihr natürliches blond wieder annehmen könnten. Seine meerblauen Augen hatte er mit grünen Kontaktlinsen getarnt. Sie und der buschige schwarze Schnauzbart sorgten dafür, dass ihn so getarnt nicht einmal seine Mutter erkennen würde. Die würde ihn auch so nicht erkennen, sie hatte ihn ja nur einmal gesehen. „Steht dir ausgezeichnet“, hatte Harry Conester ihn angegrinst, als er vor wenigen Stunden aus dessen Badezimmer gekommen war. Wäre Harry nicht sein bester Freund, Hackett hätte ihm wohl eine reingehauen. Doch der Computerspezialist war im Moment der Einzige, dem er bedingungslos vertrauen konnte. Ihre Wege hatten sich nach dem Besuch des Waisenhauses getrennt. Karl Hackett war in die Forschung gegangen und Wissenschaftler geworden. Harry Conester hatte es in die Welt der Cyberkriminalität verschlagen. Jeder war auf seinem Gebiet Experte. Harry zudem ein spendabler Freund, denn er eröffnete für Hackett ein Bankkonto auf den Cayman-Islands. Hackett fragte lieber nicht nach, mit wessen Geld er es gefüllt hatte.

 

„Du tauchst besser mal ab, Karl“, hatte Harry vor zwei Tagen gemeint, „der Schnüffler kommt dir näher. Ich habe so meine Informationen. Der ist nicht schlecht. Ich habe noch nicht rausbekommen, auf wessen Lohnliste er steht. Der von Sanchez oder der von der England-Methan-Corporation. Ist aber egal, du würdest von beiden durch die Mangel gedreht, von Sanchez allerdings bleihaltiger, wie du mir erzählt hast.“ Und dann hatte Harry getan, was er in angespannten Momenten zu tun pflegte: Er lachte lauthals los! Schon im Waisenhaus hatte er diese Macke. Je brenzliger die Situation wurde, in der sie steckten, umso lauter war Harrys Gelächter. Eine Scheiß Macke, aber Hackett hatte seinen kleinen pummeligen Freund umarmt, ihn zum Abschied auf seine Glatze geküsst und sich auf den Weg zum Bahnhof gemacht. Harry hatte ihm noch nachgerufen: „Ich werde versuchen, deine Weste wieder reinzuwaschen, mein Freund.“

  

Hackett musste jetzt sogar grinsen, als eine missgelaunte Bedienung an ihm vorbeirauschte und einem Kollegen auf Indisch etwas zurief, das nicht freundlich klang. Der angeblaffte Inder setzte eine Unschuldsmiene auf und schüttelte den Kopf. Harry hatte kurz zuvor denselben unschuldigen Blick, als er ihn gefragt hatte: „Soll ich dir eine oder besser zwei Millionen auf das Konto buchen?“ Gerade mal so, als sei es die natürlichste Sache der Welt, irgendjemandes Geld zu stellen und auf das eigene Konto zu buchen. Hackett nahm im Augenwinkel einen Schatten war und für einen Augenblick klappte die obere Hälfte seiner falschen Zähne nach unten. Am Eingang des Bangalore Express stand dieser bullige Detektiv, von dem ihm Harry ein Foto gezeigt hatte und der ihn seit Tagen verfolgte. Er hielt der Bedienung ein Bild unter die Nase und blickte suchend durchs Lokal. Hackett wusste, wer auf dem Foto zu sehen war. Und trotz seiner Verkleidung befand er, es war Zeit zu gehen. Er schob seinen schlanken Körper Richtung Toiletten, stieg durch die Hintertür in den dunklen Hof hinaus, erntete die verdutzten Blick zweier Inder, die dort rauchten, und rannte los. Reifen quietschten, Hupen tröteten, als Hackett ohne auf den Verkehr zu achten über die vielspurige Waterloo-Street zur gleichnamigen Bahnstation hastete. Dort würde in Kürze der Nachtzug seine 32-jährige Beziehung mit London beenden. Der Detektiv war ihm noch nie so nahe gekommen. Jetzt, kurz vor seiner Abreise, klebte er an seinen Fersen. Verdammt. Hackett blickte sich um und sah seinen Verfolger im Laufschritt heraneilen.

 

„Gut, dass die Kreditkarte mir das Reisegebäck erspart“, grinste Hackett und sprintet durch den Haupteingang und weiter unter dem riesigen Glasdach durch die Waterloo-Station. Blecherne Ansagen über Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge tönten aus gut versteckten Lautsprechern. Plötzlich wurden sie von lautstarkem Fluchen überlagert. Sein Verfolger hatte eine Touristin umgerannt und steckte nun in einer Ansammlung Chinesen fest, die wild mit den Armen fuchtelten und mit ihren Schirmen auf den Hünen einschlugen. Manche fotografierten und hatten dabei ein Lächeln auf den Lippen. So wie Hackett, dem dieser Tumult sehr gelegen kam. Der ist vorerst beschäftigt, dachte Hackett und erreichte seinen Zug, wo ein Bahnbediensteter sich gerade anschickte, die Türen zu schließen. Endlich saß er im Abteil, wie immer mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, und atmet schwer. Verschwitzt und nervös blinzelte er durch das Fenster auf den Bahnsteig hinaus. Ein Ruck, der Zug setzte sich in Bewegung, Hackett klatschte und jauchzte. Zwei Fahrgäste schüttelten abwertend ihre Köpfe. Ihr habt ja keine Ahnung, dachte Hackett. Trauer und Wut wüteten in seinem Innersten. „Hamp ist tot, die Bluthunde auf meiner Fährte, und solange ich meine Unschuld nicht beweisen und Sanchez agieren kann, wie er will ... Ach was soll´s, wer glaubt schon an diesen bescheuerten Spruch: die Polizei, dein Freund und Helfer.“

 

Hackett´s Kopf lehnte an der Polsterung einer Kopfstütze und wurde sanft geschüttelt. Er döste müde vor sich hin, als ein infernalisches Kreischen seine Lider hochschnellen lässt. Funken rasen am Fenster vorbei, als würde ein Drache den Zug fressen. Dann presste ein heftiger Anprall ihn gegen seinen Sitz. Wie in Zeitlupe neigte sich der schwere Waggon zur Seite. Hackett wurde aus seinem Sitz gerissen und flog durch ein Inferno aus berstendem Glas, schreiender Menschen, Gepäckstücken und Metalltrümmern, ehe heftig mit dem Kopf gegen eine Strebe schlug und ihn tiefe Bewusstlosigkeit von diesem Horror erlöste. Als sich seine Lider nach geraumer Zeit zuckend öffneten, stellte er fest: Bis auf eine Schramme am Bein und etwas Taubheit in den Ohren bin ich unverletzt. „Raus, ich muss hier raus“, war sein nächster Gedanke. Brennendes Plastik verbreitete heißen und beißenden Qualm und trotz des dichten Rauchs konnte Hackett schon die Flammen am Ende des Gangs erkennen. Er ächzte laut als er sich an einem Stück Metall hochzog, riss sich dabei die Hand auf und torkelte blutend zu einer Öffnung, wo seiner Meinung nach Rauch ins Freie abzog. Raus hier, rasch ... Er stolperte über tote Körper, sie schwiegen. Einige Schwerverletzte schrien vor Angst und Schmerz und reckten ihm ihre blutige Hände entgegen.

 

„Ich kann nicht ..., muss weg ..., raus hier ..., bin kein Held“, dachte Hackett, stieß eine Hand weg und kletterte schwer atmend durch eine aufgerissene Blechwand ins Freie. Er orientierte sich an den flackernden Schatten der Flammen und kroch auf allen vieren den Bahndamm hoch. Es roch nach Teer, Terpentin und Tod. Plötzlich zuckte eine Idee durch sein Hirn: „Sanchez wird glauben, ich sei tot!“ Kurz blickte Hackett zurück auf die in sich verkeilten Waggons, aus denen immer heftige die Flammen schlugen und wie gespenstische Schatten auf einer Leinwand aus Rauchschwaden tanzten. Von irgendwoher dröhnte Sirenengeheul, blaue Blitze durchzuckten den Nebel. Geduckt humpelte Hackett davon, in einen nahen Wald, in Sicherheit, in ein neues Leben ... als Edgar Hornsby.