Ich kann kein Blut sehn

 

War nur eine Frage der Zeit, bis der verdammte Alkohol mein Gehirn zu Brei zersetzen würde. Was sage ich da, mein Gehirn ..., meinen ganzen Körper! All meine Knochen fühlten sich müde an, gebrechlich und weich. Warum hatte ich es so weit kommen lassen? Scheiß drauf, immer öfter stellte ich mir diese dämliche Frage! Eine Frage, die sich wohl jeder Alkoholiker einmal stellt, wenn das Ende naht. Dabei trank ich nur Bier und Wein, zu späterer Stunde vielleicht mal Schnaps, Gin oder einen Whisky, oder zwei.

Hätte ich eine Knarre, ich würde sie mir an den Kopf setzen und abdrücken.

Vielleicht auch nicht.

War immer feige.

Große Klappe, nichts dahinter.

 

Der Wein im Glas sah aus wie Blut. Die Stille in unserer Küche war ohrenbetäubend. Das Sonnenlicht brannte in meinen Augen.

 

Verschwindet, ihr doofen Gedanken. Ich kann kein Blut sehn! Will nicht mehr daran denken, wie es aussieht, wie es riecht, wie zähflüssig es wird, wenn es am Boden trocknet.

 

Ich will an etwas anderes denken.

Aber woran?

An Sport?

Ich war mal sportlich! Ist lange her.

 

Wie viel hatte ich gestern wohl getrunken? Egal, vor langer Zeit hatte ich aufgehört zu zählen. Früher, wenn ich mit schwerem Kopf aufwachte und an irgendeine Zimmerdecke oder in den Sternenhimmel starrte, fragte ich mich, wie viele Drinks mich an diesen Ort gebracht hatten. Der zweite Blick fiel dann suchend in meine Geldbörse. Meist sorgte er für Ernüchterung. Und dann kam meist er. Dieser nervige Gedanke: So kann es nicht weitergehen, du musst dich ändern.

 

In der Phase des aufwachens war er sehr präsent. Verlor aber im Laufe des Tages immer an Kraft. Bis zum Abend war er erloschen. Einzig der Satz »Du säufst dich noch ins Grab!«, den meine Frau mir regelmäßig ins Gesicht spie, erinnerte mich an mein Schicksal.

 

Dieser Satz aus ihrem Mund, würde mir nicht fehlen. Auf ihn konnte ich verzichten. Vielleicht hätte ich sie gestern Abend auch nicht geschlagen, wenn sie ihre Klappe gehalten und sich im Bett auf die andere Seite gedreht hätte. Aber nein, sie musste mir ja wieder mitteilen, was sie von mir hielt, und dass ich besoffen war. Als ob ich das nicht selber gewusst hätte. Und wäre ich nicht so dermaßen besoffen gewesen, wäre sie vielleicht auch nicht im Spital gelandet. Wenn ich mich in mein besseres Leben gesoffen hatte, wurde ich zum Tier, wenn ich verbal attackiert wurde.

 

»Du verdammtes Arschloch, schlag mich noch einmal und ich lass mich scheiden!«

 

Dieser Satz und ihr hysterisches Geschrei waren es, das mich hatte ausrasten lassen. Ich wollte doch nur schlafen. Aber sie nervte weiter und kreischte herum. Sie ließ mir keine Ruhe.

 

»Halt endlich deine Drecksfresse!«, warnte ich sie.

 

Aber sie hörte nicht auf zu labern. Sie wollte die Schläge. Vielleicht hatte sie ja ihre masochistischen Tage? Als sie dann zitternd neben dem Bett am Boden lag und aus dem Mund blutete, sagte sie nichts mehr. Eine herrliche Stille breitete sich kurz im Schlafzimmer aus. Plötzlich würgte sie ein weinerliches Röcheln zwischen ihren aufgeplatzten Lippen. Da tat sie mir dann doch wieder leid und ich wollte ihr sogar hochhelfen. Sie wollte sich von mir nicht helfen lassen. Blöde Kuh! Am ganzen Körper zitternd steckte sie ihren Kopf zwischen ihre nackten Schenkel und streckte mir ängstlich und abwehrend ihre blutigen Handflächen entgegen.

 

Da kotzte ich ihr vor die Füße.

Ich kann ja kein Blut sehn!

 

24. April 2013   

 


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