Ich zähle täglich meine Sorgen

Eine nicht eingesandte Einsendeaufgabe.


Der kursiv gestellte Text, mit der Ermunterung daraus eine 80zeilige Geschichte zu formen, war eine von drei Vorlagen zur Einsendeaufgabe GR08 für mein Belletristikstudium.

 

Es kam mit der Morgenpost: ein ganz normal aussehendes Paket in braunem Packpapier und verschnürt mit derber Doppelschnur. Es unterschied sich in nichts von den Tausenden anderer Pakete, wie sie die Postboten tagtäglich austragen. Mit diesem aber hatte es eine besondere Bewandtnis – eine ganz besondere.

 

Seinen verwunderten Blick und seine krakelige, hektische Unterschrift quittierte der Postbote mit einem Schmunzeln. Vielleicht war es aber auch das Aussehen von Franz Preiner, der in rot –karierten Boxershorts, blauem T-Shirt, mit undefinierbarer Frisur und Dreitagebart in der Türe stand und das Paket, das er soeben erhalten hatte, jetzt vorsichtig schüttelte.

„Schönen Tag noch, Herr Preiner.“

„Ebenfalls“, die Türe fiel ins Schloss. Seltsam, dachte Preiner, ein Paket in braunes Packpapier gewickelt, ohne Absender. Preiner zog die Augenbrauen hoch. Briefbombe? Blödsinn, sinnierte er, wer sollte einem Arbeitslosen denn eine Briefbombe schicken. Er ging Verwandte, Bekannte und Freunde durch, keiner von Ihnen würde ihm ein Paket senden. Außerdem hatte er nicht Geburtstag und zum Feiern, war ihm schon lange nicht mehr zumute. Preiner stellte das Paket vorsichtig auf den kleinen Tisch in seiner mickrigen Wohnküche. Langsam senkte er seinen Kopf und legte ein Ohr auf das Paket. Kein Ticken! Cornelia, seine Frau hätte das Paket schon längst geöffnet. Hätte ..., sie hätte auch bleiben können, er würde schon wieder Arbeit finden. Achtsam umrundete er den Tisch und das Paket, beäugte es von allen Seiten. Vor 30 Jahren wäre die Schnur längst zerschnitten am Boden gelegen und die Papierfetzen im Raum verteilt. Aber da war er auch erst fünf und Kinder sind eben ungestüm. Die Kaffeekanne in seinem Rücken brodelte und zischte. Der Kaffee fertig war. Preiner nahm eine Tasse aus der Spüle, ließ kurz einen Schwall Wasser darüber laufen und füllte sie mit Kaffee – schwarz und ungesüßt. Er setzte sich an den Tisch und hob das geblümte Tischtuch etwas hoch. Aus der Bestecklade fingerte er ein Messer. Ein kleiner Schluck Kaffee, dann begann er das Paket zu sezieren, vorsichtig, wie der Chirurg, der er immer werden wollte und der ihn nach seinem schweren Motorradunfall vor sechs Monaten zusammengeflickt hatte. Er öffnete den Karton und blickte auf tausende weiße Styroporkügelchen. War das alles? Er wagte nicht hineinzugreifen, hatte panische Angst vor Schlangen und Spinnen und unter diesen unscheinbaren Kügelchen, konnte sich weiß Gott was verbergen. Er stocherte mit dem Messer hinein und dachte an Lawinen. In der Mitte stieß er auf etwas Hartes. Schlangen und Spinnen sind weich. Preiner wagte es und langte hinein. Eine in allen Farben pulsierende Glaskugel kam zum Vorschein. An ihr klebte ein Zettel. Preiner schob seine Brille hoch und las: „Wunschkugel“. Wunschkugel? Was soll denn der Blödsinn. Er legte die Kugel auf den Tisch und leerte den braunen Karton. Die weißen Kügelchen verteilten sich über den gefleckten Boden. Sieht schön aus, dachte Preiner, wie Küchenschnee. Kein Kuvert, keine Beschreibung, kein „Haha – Reingefallen“. Er nahm die Kugel. Sie war nicht größer als ein Tennisball, doch viel farbenprächtiger, als würde darin ein Regenbogen gefangen sein. Preiner schob abermals seine Brille hoch und drehte den kleinen weißen Zettel um. Auf der Rückseite stand geschrieben: „Nur ein Wunsch – wähle gut!“ Nur ein Wunsch, was sollte das denn, er hatte tausend Wünsche, welcher würde der richtige sein? Gesundheit, Liebe, ein Job, ein schöneres Heim? „Nur ein Wunsch – Wähle gut!“. So was von gemein, so wie das Leben. Preiner wollte die Kugel zum Fenster hinauszuwerfen. Er könnte ihr nachsehen wie sie vier Stockwerke in die Tiefe rast und beim Aufprall in tausend Scherben zerspringt. Vielleicht würde er damit den gefangenen Regenbogen befreien. Ja, das war es, befreien. Könnte ich mich von meinen Sorgen befreien, könnte ich ein Leben in Frieden und Harmonie mit mir und der Welt führen, dachte er. Mein ganzes Denken würde anders werden, ohne Sorgen. Preiner öffnete das Fenster und lächelte der Kugel zu. Er hielt kurz inne, um nachzusehen, ob sich ein Kind oder sonst jemand sich im Hof befand. Alles ruhig. Er holte aus und schleuderte die Kugel aus dem Fenster. Ein greller Lichtblitz blendete seine Augen und Preiner hielt sich abwehrend die Hände vors Gesicht. Das Bersten der Glaskugel war deutlich zu hören. Deutlich zu hören war jetzt auch die Stimme der Alten, die gegenüber aus einem Fenster keifte: „Das räumen Sie aber schön wieder weg Herr Preiner, sonst ...“

 

„Machen Sie sich ich keine Sorgen“, lachte Preiner schallend in den Innenhof. Dann schloss er das Fenster, schaltete das Radio an, tanzte auf den Styroporkügelchen zur Anrichte, holte sich eine Scheibe Brot, dazu die Butter aus dem Kühlschrank und setzte sich gut gelaunt an den kleinen, wackeligen Küchentisch. Während er die Butter aufs Brot schmierte und die Sonne die Küche nun vollends erhellte, pfiff er sorglos ein Lied von Peter Alexander: „Ich zähle täglich meine Sorgen ...“



Copyright - Alfred Stadlmann, August 2011