Kaputtgespart

Elsa ist jetzt beinahe weg, hat sich aufgelöst, wie Nebel in der Sonne. Ich stehe da, eine Träne benetzt mein Auge. Müde blicke ich auf Elsa´s Reste. Elsa wäre bestimmt stolz auf mich.

 

So stolz, wie ich damals war, als sie vor dreiunddreißig Jahren, ganz in Weiß, JA zu mir, zu einem Leben mit mir, sagte. Das war in den Goldenen-Achtziger-Jahren, und golden glänzte damals auch Elsas langes Haar. Wie Ähren im Sommerwind umwehte es ihr puppenhaftes Gesicht mit den zwei meerblauen Augen. Elsas Frohnatur und ihr gefälliges Lächeln ließen uns oft in einer paradiesischen Welt schwelgen, wo Milch und Honig floß. Und meine Fee schwang das Zepter des Genusses, in unserem kleinen Häuschen am Waldrand. Der Duft triebgeschwängerter Pheromone pulsierte und belebte unser Leben. Ich war Chemiker und leckte jedes Stäubchen Pheromone einzeln von Elsas zierlichem Körper. Immer, überall, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Doch aus jugendlich gallertartiger Liebe, dem Gelee des Glücks, entsprangen alsbald Sorgen in Form eines Lenard. Unser Junge entpuppte sich schon in jungen Jahren als Krebsgeschwür, ein langsam heranwachsendes Furunkel der Gemeinheit und Schlitzohrigkeit. Er umgarnte seine Mutter gekonnt und mein Blick auf sein wahres ICH, verbrannte in Elsas flammender Mutterliebe. Mutterliebe kann manchmal zum Kotzen sein.

 

»Wenn Lenard einmal auf eigenen Beinen steht, dann sehen wir uns die Welt an, dann werden wir reisen, Hans. Jetzt braucht uns der Junge. Wir müssen für ihn sparen, für sein Leben. Wer weiß, was noch alles auf unseren Lenard zukommen wird.«

 

Textsalven wie diese, zerfetzten damals fast täglich meine Trommelfelle. Wie die Maschinengewehrsalven, die in den 1990er Jahren die schwarze Bevölkerung Somalias in Angst und Schrecken versetzten und ein Land in unschuldiges Blut tauchte. Und die Welt sah zu, wie sich Kriegsherren, Clans und diversen Milizen erbitterte Kämpfe lieferten. Und so musste auch ich zusehen, wie Lenard seiner Mutter unser Geld aus der Tasche zog. Ich redete auf Elsa an, versuchte ihr zu erklären, dass Macht und Geld in unbedarften Händen nichts Gutes bringen. Erfolglos!

 

Elsa war unbestritten die Clanchefin im Hause Brandtner, daran gab es nichts zu rütteln. Lenard hatte mich geschickt ausgebootet, war Elsas Liebling geworden und ich zu ihrem Sparefroh verkommen. Ein Lächeln, ein beiläufiger Kuss trafen mich nur, wenn sie unser Sparbuch aufklappte und sah, dass ich eingezahlt hatte. Glücklich war sie nur, wenn sie Lenard Geld zustecken konnte, ganz egal wofür er es ausgab. Selbst als er einen Autounfall verursachte, bei dem er volltrunken einen Jungen aus der Nachbarschaft in den Tod riss, stand Elsa noch auf seiner Seite und glaubte an einen unglücklichen Zufall. An einer Haftstrafe kam Lenard dennoch nicht vorbei, er war 28 Jahre und volljährig. Das erste Mal, dass ich ihn ehrlich weinen sah.

 

An jenem sonnigen Dezembertag im Gericht zerbrach etwas in Elsa. Der Luftzug einer sich schließenden Gefängnistüre wehte eine Glaskugel von ihrem Christbaum und sie zerschellte am Parkett mütterlicher Realitätsfremdheit. Lenard war, wie ich immer betont hatte, ein unverantwortlich handelnder Junge. Drei Jahre Gefängnis sollten die Hölle für Lenard werden. Aber auch für mich. Blicke durchbohrten mich, jedes Mal wenn ich zum Einkaufen ging. Auf den Straßen der Stadt wurde hinter vorgehaltenen Händen getuschelt, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass alle mir die Schuld am Tod des Nachbarjungen gaben. Im Prinzip stimmte das ja auch, zu fünfzig Prozent, denn hätte ich Elsa nicht mit Lenard geschwängert, wäre Jakob heute noch am Leben. Zu Hause wurde ich täglich mit Elsas schweigendem Putzfimmel konfrontiert. Sie ging nicht mehr aus dem Haus, sie wich mir aus, als hätte ich Ausschlag. Getrennte Schlafzimmer waren die logische Konsequenz. Beide lebten wir in schweigsamer Einsamkeit. Einmal hatte ich gewagt zu fragen, wozu Elsa weiter so einen eisernen Sparkurs fuhr.

 

»Lenard braucht Geld für einen Neuanfang. Wenn er entlassen wird, will er von hier weggehen. Und er geht allein!«

 

Das ›allein‹ hatte sie mir ins Gesicht gebrüllt und danach war sie heulend in ihr Zimmer gelaufen. Als wäre Lenard bei dem Unfall gestorben und nicht der Junge aus der Nachbarschaft. Sie weinte oft und viel in jenen Tagen. Sie sperrte sich ein und sie sparte eisern, auch an der Liebe zu mir. Je mehr ich ihr liebenswert begegnete, ihre Launen zu ignorieren versuchte, desto schlimmer wurde ihre Abneigung gegen mich. Elsa drehte jeden Cent zweimal um, hörte zu rauchen auf, verzichtete auf neue Kleider und Schuhe, ging nicht mehr mit ihren Freundinnen aus und wenn sie unser Häuschen von oben bis unten durchgeputzt hatte, setzte sie sich vor den Fernseher und schaute Soaps.

 

Als ich meine Arbeit verlor, wurde die Luft in unserem Häuschen am Waldrand unerträglich stickig, wie in einem modrigen Kellergewölbe. In diesem muffigen Klima lebten wir fortan wie zwei Asseln, deren Ideale nicht miteinander konform gingen. Lenard war nach seiner Entlassung einmal kurz hier gewesen, ganz kurz, um Geld zu holen. Dann war er, ohne Angabe eines Ziels, verschwunden, so wie ich es die letzten Jahre jeden Tag gerne getan hätte. Elsa wäre geblieben, desillusioniert und alleine, dass konnte ich ihr nicht antun. Ich liebte sie, auch wenn ich nicht mehr zu ihr durchdringen konnte. Sie würde in dem Häuschen am Waldrand langsam verschimmeln. Auf dem Sofa sitzend, wo sie seit Lenards Besuch jeden Tag saß und wartete, dass er wiederkam. Dabei starrte sie oft stundenlang auf die dunkle Scheibe des TV-Gerätes.

 

»Nicht einschalten, wir müssen sparen. Vielleicht kommt Lenard ja noch einmal vorbei. Vielleicht braucht er noch Geld.«

 

Gebetsmühlenartig, mit nach vor- und zurückwippendem Oberkörper, betete eine mir völlig fremd gewordene Frau, ihre Sätze herunter. Ihr Haar war weiß geworden und hing in fettigen Strähnen von einem aufgedunsenen Schädel. Die Medikamente, die sie regelmäßig zur Beruhigung einnehmen musste, hatten sie wie einen Luftballon aufgeblasen. Schmutzflecke an ihrer Schürze überdeckten das bunte Obstmuster. Das Blau ihrer Augen war grau und trübsinnig geworden. Ihr Gesicht durchzogen tiefe Falten, die Mundwinkeln hingen wie bei einer Bulldogge. Das einst schönste Lachen der Welt war verklungen, nichts vermochte sie aufzuheitern. Stur war sie geworden, meine Elsa. Kein Arzt durfte ins Haus, keine Freunde, niemand, nur Lenard, falls er nochmals kommen sollte. Aber er kam nicht. Ich fand in der Gegend keine Arbeit mehr, ging in vorzeitigen Ruhestand, um mich um Elsa kümmern zu können. Neben erheblichen finanziellen Einbußen verpasste mir Elsa den Makel des Versagers und wurde nicht müde, mir dies bei jeder Begegnung im Haus kundzutun. Sie wollte und konnte sich keine Arbeit mehr suchen, obwohl sie für ihr Leben gern geputzt hatte. Sie könnte ja Lenards Besuch versäumen, warf sie mir entrüstet vor, ehe sie die Wohnzimmertüre ins Schloss geknallt hatte. Wir könnten auch so sparen, lamentierte sie am nächsten Tag und hatte dafür auch gleich ein paar Ideen parat: Das Auto musste weg, Versicherungen wurden abgemeldet, beim Einkauf sollte ich darauf achten, überall das billigste zu kaufen. Dabei wusste sie wie ich einlagiges Klopapier hasste.

 

Im Garten sollte ich Kartoffeln, Salat und Gemüse anbauen. Abschließend wollte sie, dass ich das Haus meiner Eltern, in dem wir die ersten Jahre so glücklich waren, verkaufe. Wir könnten in eine billigere Mietwohnung ziehen, geiferte sie mit Schaum vor dem Mund, das Haus sei viel zu groß für zwei Leute.

 

Niemals hätte ich mein Elternhaus verkauft.

 

Deshalb liegt Elsa seit vier Tagen in einer Stahlwanne im Keller. Badend in 20 Liter Schwefelsäure. In der Waschküche stinkt es und Elsas Körper hat sich in einen unansehnlichen Brei verwandelt. Sieht aus wie Wackelpudding. Ihre Fettschürzen haben sich allerdings vollständig aufgelöst, so wie das restliche Gewebe und Teile ihres Skeletts. Sieht jetzt wieder schlank aus, meine Elsa. Ich trage meinen dunklen Anzug, denn es ist Sonntag. Als ich durch die Gläser meiner Gasmaske in die Wanne starre, denke ich an jenes Gelee der Liebe und des Glücks, in dem wir einst zusammengekuschelt lagen, verschwitzt, glückselig, untermalt von orgiastischen Tönen. Es wäre nicht mehr wie damals, wenn ich jetzt zu Elsa in die Wanne steigen würde, meine jugendliche Hitze war längst erloschen. Tief sauge ich Luft in die Maske und lasse sie mit einem weinenden Seufzen wieder durch den Filter austreten. Nur wenige Knochenteile weisen noch auf meine Elsa hin, die ich einmal so geliebt habe ..., die ich immer noch liebe.

 

Mein Sprechen ist nur ein leises murmeln. Aber ich kann die Maske nicht abnehmen, ich würde ohnmächtig werden. Die Waschküche ist hermetisch abgedichtet. Niemand kommt rein, niemand kommt raus. Außer mir natürlich. Auch Lenard würde reinkommen, aber nur rein. Die dicken grünen Gummihandschuhe passen irgendwie nicht zu meinem Anzug. Aber ohne sie könnte ich meine Elsa nicht streicheln, zumindest das, was noch von ihr noch übrig ist. Muss schauen, ob es diese Handschuhe auch in schwarz gibt. Zärtlich streichle ich über einen Teil von Elsas Schädel. Das große Knochenfragment wippt im Gelee des Todes. Dabei spreche ich zu ihr, leise, verzerrt vom Filter der Maske:

 

»Hallo Elsa, mein Schatz. Wie fühlst du dich heute? Hab ich das nicht toll hinbekommen? Keine Begräbniskosten, keinen Leichenschmaus, keine laufenden Grabgebühren, keine Kosten für die Musik, alles gespart - alles für Lenard. Falls er uns noch einmal besuchen sollte, werde ich ihn zu dir bringen, Elsa. Dann werdet ihr zwei vereint sein, hier unten, dann kannst du dich wieder ausführlich mit ihm unterhalten, so, wie du es dir die letzten Jahre gewünscht hast. Deshalb hast du die Unterhaltungen mit mir doch ausgespart, oder? Du hast dir die Worte für die Unterhaltung mit deinem Sohn aufgespart! Stimmt doch, oder? Du hast dir die letzten Jahre unseres Beisammenseins vieles erspart, Elsa. Mir hingegen blieb nichts erspart. Du hast uns kaputtgespart! Aber wie du siehst, habe auch ich sparen gelernt und dir ein Begräbnis erspart. Bist du jetzt stolz auf mich, meine liebe Elsa?«

 

 


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