Kliniken mag ich nicht

Eindrücke und Gedanken eines Spitalsbesuchs

Kliniken haben irgendwie eine abschreckende Wirkung und erzeugen ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch. So auch dieses Mal, als ich meine Frau zur Kontrolle ihrer Hüfte in die Klinik begleite. Mir fällt ein Zitat ein, das ich vor Kurzem in einer Zeitung gelesen habe: „Ein gesunder Mensch hat viele Wünsche, ein Kranker nur einen – gesund zu werden.“

 

Mag sein es bedrückt mich, dass ich so unzufrieden bin und großteils nur daran denke, wie gut es mir eigentlich geht, wenn ich eine Klinik betreten muss. So wie jetzt, als ich an der Fassade dieses Leidenstempels hochblicke. Neben dem großen rotierenden Portal, das mich an den Eingang zu einem Einkaufszentrun erinnert, steht eine Frau mittleren Alters im Schlafrock und raucht. Ihr scheint egal zu sein, dass wir erst Februar haben, und rauchen die Gesundheit gefährdet.

 

„Da bin ich auch gestanden, kurz nach meiner OP, als ich wieder halbwegs laufen konnte.“

 

Ich blicke zu meiner Frau, schüttle entgeistert den Kopf und wir steigen in den Glasspalt, der gerade an uns vorbeikommt. Ein unangenehmer Geruch kriecht in meine Nase, als wir im weitläufigen Foyer wieder hinaussteigen. Nicht jener chlorhaltige Geruch, denn ich aus so vielen Klinikbesuchen kenne, hier riecht es penetrant nach Katzenfutter, doch das scheint die alten Damen nicht zu stören, die geradewegs auf uns zuschleichen. Die eine, so an die siebzig, trägt einen braunen Lodenmantel und hat die Gabe, durch Menschen wie mich hindurchzusehen. Die andere, nicht wesentlich jünger, starrt mich dagegen neugierig an. Das tote Tier auf ihrem Kopf, braun und zu einer Fellmütze drapiert, nimmt es gelassen, seine Augen wurden entfernt. Ich denke, gut so, so muss es das faltig teigige Gesicht seiner Trägerin nicht jeden Tag sehn, wenn die ihren Graukopf vor der Kälte schützen will. Ihr dunkles, erhobenes Muttermal, aus dem ein paar Haare sprießen, verfolgt mich, als ich forschen Schrittes zwischen den beiden hindurchmarschiere und ein grantig fragendes „Ja Hallo“ ernte. Kurzzeitig wird der Katzenfuttergeruch von einer undefinierbaren Parfümwolke überlagert, bei der ich an den Tod denke; billig, penetrant und nicht zur Fellkleidung passend. Ich vermute Importware und denke an einen Strandverkäufer in Lignano.

 

„Wo geht es denn jetzt zur Ambulanz?“ holt mich die Stimme meiner Frau aus meinen Gedanken.

 

Der Stiegenaufgang zur orthopädischen Ambulanz ist einfach weg, an der Decke, durch die er einst geführt hat, nur mehr ein eingetrockneter Betonfleck. Ich orientiere mich entgeistert an den Hinweisschildern und finde den Weg zu einem Aufzug. Wie immer herrscht großer Andrang auf der Ambulanz und die wenigen Stühle vor den Untersuchungszimmern sind mit allen Altersklassen besetzt. Mein suchender Blick findet etwas entfernt einen kleinen runden Tisch mit drei Stühlen. Wer da wohl schon aller drauf gesessen hat?

 

„Ich muss zum Röntgen. Kommst du mit oder wartest du hier.“

 

Ich zücke meinen Kugelschreiber, öffne den Notizblock und sage: „Ich warte hier, Eindrücke sammeln!“ Mein Blick fällt auf ein bunt gefliestes Wandmosaik über einem kleinen Wasserspender. In großen blauen Buchstaben steht darin geschrieben: „Wasser ist Leben“. Sehr sinnvoll, denke ich und auch noch: ich trinke zu wenig, komme nicht auf zwei Liter pro Tag. Wo kam die Stiege früher rauf, ah, da vorne neben der Säule. Ein etwa zehn Quadratmeter großer Fleck, weißer Linoleumboden, überdeckt die ehemalige Öffnung, wo meine Frau vor einigen Jahren angstvoll die Treppe heraufstieg, um sich für ihre OP anzumelden. Ich hatte auch Angst. Das Gemurmel wird lauter, Türen öffnen sich und Patienten verschwinden, kommen nach einiger Zeit wieder raus, mit den verschiedensten Gesichtsausdrücken. Plötzlich wird links von mir eine Tür geöffnet und ein etwas dreißigjähriger Bartträger in einem weißen Kittel lächelt mich an.

 

„Blutabnahme?“

„Nein danke“, antworte ich und will schon weiter schreiben.

„Jetzt wäre aber Zeit“, zwinkert er mir zu.

 

Will der mich verarschen, ist ja bald Fasching, denke ich und ignoriere ihn. Die Tür schließt sich, ich habe wieder meine Ruhe. Eine dunkelhaarige Frau mit Brille setzt sich an den Nebentisch. Sie hat auch ein Muttermal. Nein, das ist eine Warze am rechten Mundwinkel. Verstohlen blicke ich zu ihr, muss mir Gewissheit verschaffen. Ja, tatsächlich, es ist eine braune Warze. Krampfhaft hält sie eine kleine Tafel mit der Nummer 14 in der Hand. Hoffentlich wird sie bald aufgerufen, ich sitze nicht gerne neben fremden Menschen mit Warzen am Mundwinkel. Mein Blick schweift langsam durch den Wartesaal, unterbrochen von einigen Säulen die das Gebäude stützen. Er ist hell und freundlich gestaltet, kann mir jedoch nicht meine Aversion gegen Kliniken nehmen. Zahlreiche Ölgemälde, vor allem Landschaftsbilder, hängen mit gelben Preisschildchen versehen an den Wänden. Auf jedem Bild sind Bäume, Berge, Wiesen und Wasser in Blau- und Grüntönen gemalt, nur auf einem fährt ein Schiff unter vollen Segeln, weg von einer Palmeninsel, also auch Bäume.

 

Wann kommt meine Frau endlich dran? Eine Stunde sitzt sie nun schon neben mir, nach ihrem Kurzauftritt beim Röntgen, brav, ruhig, Patienten beobachtend. Die Frau mit der Warze wird zur Blutabnahme gerufen. Vor einem der Untersuchungszimmer, wo meine Frau hoffentlich bald rein darf, erläutert eine Schwester einem älteren Herrn irgendetwas medizinisches, das ich auf diese Entfernung nicht verstehen kann. Egal, es lenkt meine Gedanken in eine andere Richtung. Ein kleines Mädchen, etwa zwei Jahre, die ihre blonden Haare zu einem neckischen Zöpfchen gebunden trägt, wird unruhig. Ihr Bruder, ich schätze so vier Jahre, verfolgt mit interessiertem Blick die große grüne Reinigungsmaschine, die eine Putzfrau knapp an ihm vorbei über den Boden schiebt. Das Mädchen zieht plötzlich an seinem Pullover und lacht. Entgegen meiner Erwartung lacht der Junge nun auch. Geschwisterlich teilen sich die beiden einen Stuhl, obwohl schon genügend frei wären.

 

„Das dauert ja wieder ewig, heute“, murre ich zu meiner Frau hin. Sie sagt nichts, beobachtet die Kinder. Ich lieber die schlanke hochgewachsene Frau, die am Nebentisch Platz nimmt. Sie sieht traurig aus. Ihr kurzes krauses Haar ist schwarz, Ton in Ton mit ihrer Oberbekleidung. Schwarze Weste, schwarze Hose, schwarze ... sehen aus wie Herrenschuhe. Wie eine Insel im tintenschwarzen Meer sticht mir ihr lilafarbener Rolli ins Auge. Ihr Gesicht ist totenbleich und auch ihre Hände sind hellhäutig und knochig. Was sie wohl hat? Ich will es gar nicht wissen. Der bärtige Blutabnehmer entlockt ihr im Vorbeigehen ein Lächeln. Wenn der wüsste, dass sie sich vor einigen Minuten eine Kugel aus dem Automaten gezogen hat. Das Clownsgesicht auf dem rotgelben Automaten mit den bunten apfelgroßen Plastikkugeln lockt nun auch das Geschwisterpaar an. Eine Kugel, zwei Euro! Die Mutter bleibt gelassen, trotzdem dass Mädchen schon das vierte Mal gelaufen kommt und sie auffordert, endlich mitzukommen.

 

Der Kopf einer Schwester blickt aus einer Tür zu den Untersuchungszimmern und ruft den Namen meiner Frau. Dann folgt ihr Rundumblick. Endlich, denke ich.

„Ja, hier“, ruft meine Frau und die Köpfe der Wartenden drehen sich in unsere Richtung. Ja Leute, wir sitzen hier drüben, weil hier mehr Platz ist und ich meine Ruhe habe, beim Schreiben. Da könnt ihr schon glotzen, das habe ich auch schon getan, zu euch hinüber.

 

Meine Frau schüttelt der Schwester die Hand, dann schließt sich Tür Nummer 4 und verschluckt meine Frau. Hoffentlich wird sie mit einem - alles in Ordnung – wieder ausgespuckt. Die Köpfe der Wartenden pendeln zurück in Normalposition - zurück in die Zeitung, in ein Buch, an die Decke, den Gang hinunter, zum Clownsautomaten. Ein alter Mann erhebt sich, nimmt seine Krücken und geht ein paar Schritte. Seine Miene ist schmerzgepeinigt, sein Körper voluminös und sichtlich zu schwer für sein Leiden.

 

Leiden, ich denke an meinen Spitalsaufenthalt, von dem ich beinahe nicht zurückgekommen wäre. Geplatztes Aneurysma, sagten die Ärzte. Ich halte diese Kopfschmerzen nicht mehr aus, sagte ich. Sie retteten mir trotzdem das Leben - Danke! Jetzt sitze ich hier und warte. Mein Kopf füllt sich mit leidvollen und wunderschönen Kliniksequenzen: gebrochenes Bein, meine Gehirnblutung, Geburt meiner Töchter, Vater das Leben gerettet, nicht nur einmal, meiner Frau die Gehfähigkeit erhalten ... patente Menschen, dieses Krankenhauspersonal, vom Oberarzt bis zur Reinigungskraft. Aber dieser Geruch in den Kliniken: angstfördernd. Muss das sein?

 

Nach eineinhalb Stunden lege ich meinen Kugelschreiber zur Seite, klappe meinen Notizblock zu und lausche Michael Jacksons: „We are the World.“ Als wir hereinkamen, war mir gar nicht aufgefallen, dass es hier Musikbeschallung gibt. War wohl übertönt vom Gemurmel, quietschenden Schuhen am Linoleumboden, vorbeihuschenden Schwestern und Ärzten, vorbeirollenden Krankenbetten, auf- und zuschlagenden Türen, kommenden- und gehenden Patienten und jeder Menge Eindrücke, einer nicht endenwollenden Warterei ...

 

Und meiner Abneigung gegen Kliniken – gut, dass es sie gibt!