»Mein Leben? Ich soll Ihnen mein Leben beschreiben?«

 

Sie werden scheinbar nicht müde, mich das zu fragen. Der Psychiater hatte mich gerade aus seinem Wartezimmer geholt, was ich ziemlich ungewöhnlich und persönlich fand. Er war ein großgewachsener Mann, um die 55 Jahre, dessen graue Bundfaltenhose für mein Gefühl etwas zu kurz geraten war, die schwarzen Schuhe hingegen sahen bequem aus. Sein blütenweißes Hemd machte einen zugeknöpften Eindruck und die gelbe Fliege wirkte daran wie ein Fremdkörper. Über dem Hemd trug ein ärmelloses Gilet, das farblich zur Hose passte. Vermutlich gehörte es zu einem dreiteiligen Anzug und die dazugehörige Jacke hing in dem zweitürigen weißen Schrank, der rechts neben dem Fenster an der Wand stand. Sieben Schritten machte ich bis in das kleine aufgeräumte Ordinationszimmer. In meinem Rücken, eine einfache weiße Liege, bedeckt mit weißem Papier, wie sie auch bei Allgemeinmedizinern üblich ist. Wie bei jedem meiner Psychiaterbesuche, hatte ich mir auch diesmal eine abgesteppte braune Ledercouch erhofft, wurde aber wieder mal enttäuscht. Der Raum war kühl und weiß gestrichen. Von der Decke herab verbreiteten zwei Neonröhren hinter getöntem Glas ein gelblich wärmendes Licht. Rechts von mir hing ein Bild an der Wand, auf dem ein wirres Konstrukt aus dunklen und hellen Farben, in den unterschiedlichsten Formen, für heilloses Durcheinander sorgte. Ich hätte jetzt auf das Bild zeigen und zu dem Psychiater sagen können: »So schaut´s aus, in mir«, aber was hätte das gebracht? Das Bild stellte nur ein Endprodukt dar, zeigte nicht die vielen Facetten und Schattierungen meines Seins, die fein gesponnen Fäden des Irrsinns, die mich spielend leicht in so ein vortreffliches Kunstwerk hätten verwandeln können. Ich saß leicht verspannt auf einem Plastikstuhl, blickte auf einen einfachen, weißen Metallschreibtisch und sah wie Doktor Manuel Salpeter mich interessiert taxierte. Kurz hob er seine modisch schwarze Brille hoch und streifte mit Daumen und Zeigefinger über seine Nasenwurzel. Danach fuhr er sich mit der rechten Hand durch sein graumeliertes Haar und sagte: »Bitte«.

 

Es war Freitag, der 14. Juni, 10 Uhr vormittags und Salpeter sah schon müde aus. Vor mir waren bestimmt schon einige Patienten bei ihm gewesen. Vielleicht war das Bild ja von ihm und er hatte nach einem tristen Arbeitstag seinen Schreibtisch in Farben und Formen aufgelöst und neben das Regal mit den dicken Büchern an die Wand gepinnt. Ich blickte über seine rechte Schulter, durch grüne Blätter eines pflanzlichen Ungetüms, auf das Fenster. Meine Augen folgten einem Regentropfen, der langsam an der Scheibe hinunterlief und mit einem kleineren Tropfen verschmolz. Zu schwer geworden, stürzten beide ins Nichts. So wie ich, dachte ich, der ich derzeit an unnützen Gedanken so schwer war.

 

»Kein Problem», sagte ich, nachdem ich gedanklich wieder an den Tisch zurückgefunden hatte, »ich habe das schon hundert Mal erzählt, geändert hat sich nie viel. Kurzzeitig, vielleicht. Ich schaue jeden Tag aus dem Fenster, sehe immer dasselbe Bild, nur die Farben und der Blattbestand an den Bäumen, ändern sich im Takt der vier Jahreszeiten. Der Bach, der an unserem Haus vorbeifließt, plätschert mal lauter, mal leiser, so wie die Vögel, die zwitschern, was aber nicht am Wasserstand, sondern an der Jahreszeit liegt. Meine sehnsuchtsvolle Suche nach richtigen Worten, mit denen ich etwas lesbares Schreiben möchte, ist in letzter Zeit nur mehr eine gallertartige Masse, an der ich langsam zu ersticken drohe. Dennoch kann ich nicht von dem Gedanken ablassen, irgendwann einmal Schriftsteller zu werden.«

 

Der Blick aus seinen tiefblauen Augen wurde forschender und die aufkeimende Neugierde formte die Frage: »Kennen wir uns? Waren Sie schon einmal in meiner Ordination?«

 

»Ja«, seufzte ich, »ist aber schon einige Jahre her. Damals hatten sie mich an eine Klinik überwiesen.«

 

»Stimmt«, hellte sich sein ovales Gesicht auf und die tiefe Falte auf der Stirnmitte verschwand. »Nach St. Radegund.«

 

»Nein, nach Bad Aussee, aber es stimmt schon. Sie wollten damals, dass ich nach St. Radegund bei Graz gehe.«

 

»Oh, aber bitte, erzählen sie weiter.«

 

Ich kratze mich am Kinn und bemerke, dass ich mich wieder einmal nicht rasiert hatte. Egal, wie mir so vieles andere auch egal geworden war.

»Meine einst ausufernde Lebensfreude ist zu stupidem Warten verkommen und meine ehemals springlebendigen Gedanken grasen wie eine müde gewordene Pferdeherde durch mein Gehirn. Diese Lethargie weist mich täglich auf mein psychisches Versagen hin und auch die physischen Unzulänglichkeiten krabbeln in Form von Gewichtszunahme schon an mir hoch. ›Geh raus, bewege dich in der Natur. Das hilft dir und du nimmst nicht zu‹, rügt mich meine Frau jeden Tag. Aber mir ist das egal. Würde die Sonne scheinen, vielleicht würde ich gehen, aber die Sonne scheint schon lange nicht mehr für mich. So ist der Regen mein Verbündeter geworden. Er legt seinen silbrig glänzenden Vorhang vor mein Leben und schirmt mich ab vor dieser ›ach so heilen‹ Welt. Was mir bleibt ist Hausarbeit, ab und an ein Buch lesen oder mich an den Computer setzen, um vielleicht mal was zu schreiben. Vereinzelt hellen dabei Gedanken mein Dasein auf, fressen sich nach vorne und erzählen dann jemand meine Geschichte, so wie jetzt Ihnen. Also, nennen sie das Leben?«


»Darauf eine schnelle Antwort zu geben, ist unmöglich. Aber wie mir scheint, fehlt Ihnen Struktur und eine Sinn bringende Tätigkeit. Jeder Mensch braucht ein strukturiertes Leben, das aber nicht in Zwang ausarten sollte. Verzeihen Sie mir den Vergleich, aber ein zügelloses Pferd wird einmal dahin und einmal dorthin schwenken und so, immer wieder mal von seinem Weg abkommen. Wie sieht es bei Ihnen eigentlich mit der Medikation aus? Nehmen Sie Tabletten, und welche?«


Ich wusste, dass diese Frage kommen würde. Sie kam immer, es war eine Konstante, wenn man einen Psychiater besucht und ich hatte schon so viele besucht. Da ich momentan so ungemein offen und wahrheitsliebend war, wollte ich dem Doktor sagen, was ich von Tabletten hielt.

 

»Mich nervt dieses ewige Tabletten fressen! Aber ich muss ja, um wenigstens in der Nacht ein wenig Ruhe zu finden. Ja, ich nehme Tabletten, sonst könnte ich nicht schlafen. Nachts ist es am schlimmsten. Da kriechen sie aus ihren Löchern und drangsalieren mich, mit Spott und Hohn! Jede Nacht spielen meine Gedanken ihr perfides Spiel mit mir: Wer warst du mal - wer bist du heute. Ohne Tabletten wäre ich verloren, ihnen ausgeliefert. Sie schaben und schleifen an den Innenwänden meines Schädels und zerren an meiner fragiler werdenden Psyche. Manchmal nehme ich statt der Tabletten auch Alkohol. Hat auch seine Nebenwirkung, aber nicht so Chemische. Ich mag diese chemischen Ruhigmacher nicht, ich will … Scheiße, ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich will.«

 

»Das ist sehr traurig.«

 

»So? Denken Sie? Dann sind Sie mal froh, dass ich Ihnen nicht die ganze Geschichte über mein Inneres Ich erzähle, da würden Sie glatt zu weinen beginnen.«

 

Der großgewachsene Psychiater sah mich jetzt erstaunt an. Die Heftigkeit meiner Worte, schienen ihn überrascht zu haben. Er öffnete seine Hände, die kurz zuvor noch gefaltet in seinem Schoß lagen. Vorsichtig rollte er mit seinem Bürosessel näher und griff nach der Kante seines Schreibtisches. Seine schlanken Finger zierte an der rechten Hand ein einfacher goldener Ehering. Langsam entspannte sich sein Oberkörper und sank zurück in den Stuhl. Die Ellenbogen auf die Armlehnen gestützt, formte er mit den Fingern eine Pyramide. Dann wippte er vor und zurück und erklärte mit ruhigen Worten: »Der Beruf des Psychiaters bringt es so mit sich, dass ich beinahe täglich mit sonderbaren, absurden oder schlimmen Geschichten und Gedanken konfrontiert werde. Mich bringt man nicht so leicht zum Weinen.«


Plötzlich kroch wieder Neugierde hoch in mir. Und obwohl ich wusste, dass Doktor Salpeter an die ärztliche Schweigepflicht gebunden war, fragte ich: »Ach ja?, erzählen Sie mir davon?«