Sündiger Fasching

 

Vor ihm steht ein Glas Bier, halb leer. Seine wasserblauen Augen brennen, der Raum ist rauchgeschwängert und er sehnt sich nach frischer Luft. Doch er kann jetzt nicht gehen, muss auf sie warten. Langsam dreht er den Kopf und seine groß geratenen Ohren tauchen in nichtssagendes Stimmengemurmel. Fahrig fährt er sich über das Gesicht, tappt von einer Falte zur Nächsten. Links von ihm sitzt ein Musketier in gebeugter Haltung, sein blauer Hut liegt am Tresen, seine Nase steckt im üppigen Dekolleté von Frau Holle, oder was auch immer diese Blondine mit dem Polster unter ihrem Arm darstellen will. Ein Vampir, der schwankend zur Toilette eilt, rülpst ihm ungeniert ins Ohr. Seinen Hals verschont die stockbesoffene Kreatur der Nacht. Er wendet sich zum wiederholten Male seinem Glas zu.

 

Wo bleibt sie nur? Biene Maja schwirrt hinter dem Tresen an ihm vorbei, hektisch, energiegeladen und entgegen aller Erwartung füllt sie das vor ihr stehende Glas nicht mit Nektar, sondern mit Wodka-Red-Bull. Das klirrende Geräusch fallender Eiswürfel reißt ihn aus einer gedanklichen Flugszene, in der Willi und Maya fröhlich lachend über die Klatschmohnwiese schweben. Als kleiner Junge war er im Fasching zumeist als Cowboy unterwegs gewesen. Dass er sich noch daran erinnern kann, erfüllt ihn mit Stolz. Müde schiebt er sein Cape zur Seite, die schwere silberne Kette drückt sich in seinen Hals. Auch der großkrempige schwarze Hut mit der weißen Feder schmerzt, trotzdem lässt er ihn auf dem Kopf, sein weniges graues Haar ist total verschwitzt. Warum hat er sich nur von ihr breitschlagen lassen? Warum ist er ihr in dieses Lokal gefolgt? Er hebt sein Glas, trinkt einen Schluck, setzt es ab und starrt auf die Spiegelwand hinter dem Tresen. Eine leicht schwankende Reihe Flaschen deren hochprozentiger Inhalt diese Nacht vermutlich zur Neige gehen wird. So wie der Inhalt seines Glases.

 

Er hätte Nein sagen müssen, doch ihre jugendhafte Unbekümmertheit hatte ihn überrumpelt und in einem Stadium ausgelassener Fröhlichkeit erwischt. Gott wie erbärmlich. wenn ein Mann, der dem altern entgegenwirken und ihm ein bisschen  der langsam verschwindenden Lebenszeit abtrotzen will, sich in amouröse Abenteuer stürzt. Und sei es nur für eine Nacht, für einen One-Night-Stand.

 

Ein stechender Schmerz in der Nierengegend lässt ihn beinahe vom Hocker stürzen, etwas hat ihm einen Schlag versetzt. Ein schwarzer Helm taucht aus einem Bulk lachender Gestalten auf. Darth Vader wackelt entschuldigend mit dem Helm und stolpert weiter Richtung Toilette. Und wenn ich einfach abhaue?, jagt ein plötzlich ein Fluchtgedanke durch sein Hirn. Doch die Vernunft war längst vom Alkohol besiegt. Es tanzten Schmetterlinge in seinen Eingeweiden und waren dabei, sich zu vermehren. Der Gedanke, an die erotische Zweisamkeit mit Julia, lässt die jahrelang sexuell erduldete Enthaltsamkeit in seiner Ehe verblassen und ihn ein Generationen übergreifendes Halali in sein leeres Bierglas blasen, das nun so leer ist wie sein Leben.

 

»Romeo, mein Romeo, so sturzbesoffen sitzt du do!«, lallt ihm eine nicht minder betrunkene, aber um mindestens dreißig Jahre jüngere Julia grinsend in die Ohrmuschel. Ihr bodenlanges weißes Kleid zeigt bereits schwere Spuren des Verfalls. Ausscheidungen aller Art vermischen sich über dem Busen zu einem abstoßend braunen Brei. Der Schleier, der sich schützend über ihr langes rotbraunes Haar breiten sollte, wie die Unschuld über eine Jungfrau, hängt nur mehr streifenweise in ihrem Rücken. Das Make-up, zu einer Fratze verschmiert. Das Gesicht von Alkohol, Zigaretten und ständigen Temperaturschwankungen sporadischer Lokalwechsel gezeichnet, entspricht so gar nicht mehr den femininen Zügen einer Julia Capulet, die er sich eingangs der Nacht vorgestellt und in die er sich spontan verliebt hatte.

 

»Bist du fertig? Können wir gehen, vornehmlich zu dir«, fällt er grinsend, um Zeit zu sparen, mit der Tür ins Haus.

 

»Hast du schon bezahlt?«

 

»Ja, wie immer, auch deine Getränke.«

 

»Dann lass uns gehen, ich zu mir und du zu dir, weil mein Freund würde keine Freude haben, wenn er vom Nachtdienst nach Hause kommt und dich in unserem Bett vorfindet. Er ist Polizist und versteht da keinen Spaß!«, lacht die ramponierte Julia, versucht sich bei ihrem Romeo einzuhängen, greift daneben und fällt schräg in einen Bulk Menschenaffen, die lachend einen Schritt zur Seite springen, sodass sie ungebremst auf den Boden knallt.

 

Die Affen haben´s drauf, denkt Romeo, nimmt den Hut vom Kopf und trottet desillusioniert aus dem Lokal, wo er, den Fasching und sich selbst verfluchend, im kalten Regen nach Hause schleicht. Beschmutzt sein Ruf, leer sein Blick. So leer wie sein letztes Glas Bier, so leer wie sein Leben.