Schwarzer Schatten

Amors Pfeile sind herzförmig

 

„Was heißt das ›Du kommst nicht‹ ..., aber ... wie bitte? Du liebst einen anderen? Ja, aber ...“

 

Ein monotones Tut ... Tut ... Tut zersägt das Herz von Max Doktor. Zwei Jahre kann man doch nicht so einfach wegschmeißen, sinniert er mit fragendem Blick auf das Handydisplay. Die Sonne, der wolkenlos blaue Himmel, die bunte Blumenwiese, der Picknickkorb zu seinen Füßen, alles perfekt. Die geplante Verlobung ... Tränen verschleiern seinen Blick alles versinkt in nebulösem Grau. Wütend schleudert Max sein Handy in den nahen Wald, dann zieht er das Etui mit den Verlobungsringen aus seiner Hosentasche und wirft es achtlos in den Picknickkorb, wertloser Tand. Schluchzend sinkt er ins Gras. Ein schwarzer Schatten huscht an ihm vorbei.

 

Ein „Hoppla“ und ein „Aua“ lassen ihn herumfahren.

 

„Yvonne?“ entfährt es ihm.

 

„Nein, Helga ... Helga Sommer; Entschuldigung, ich suche Max“, presst sie schmerzverzerrt zwischen sinnlich roten Lippen hervor.

 

„Sie haben ihn gefunden, Max ... Maximilian Doktor“ entgegnet Max und wischt eine Träne weg.

 

Was für ein Anblick: ein luftiges, geblümtes Sommerkleid, das eine atemberaubende Figur nur zum Teil verdeckt. Zwei Spagettiträger halten einen Hauch bunten Stoffs über ebenmäßig elfenbeinfarbener Haut. Der Saum ihres Kleides ist durch den Sturz über das rechte Knie gerutscht. Max blickt staunend auf zwei schlanke Beine in gelben Stöckelschuhen, die eindeutig nicht für Laufsport in Wiesen geeignet sind. Am oberen Ende des Kleides, ein blondgelocktes Gesicht, aus dem ihn zwei hellblaue Augen jetzt fragend taxieren.

 

„Nein, Max ist mein Hund, ein Labrador, er hat sich losgerissen und ist Richtung Wald gelaufen.“

 

„Aha, vielleicht könnten Sie ja vorerst mit mir ›Max begossener Pudel‹ vorlieb nehmen“, schmunzelt Max gequält, „haben sie sich verletzt?“

 

„Ich bin ein wenig umgeknickt, vermutlich in einen Maulwurfsbau getreten“, lächelt Helga verlegen. Ein hübsches Lächeln, findet Max, langsam bekommt die Sonne wieder ihr leuchtendes Gelb und die Eiseskälte schwindet. Ein hübscher Mann, denkt Helga und reibt sich den Knöchel; wenn auch ein wenig in Rätseln sprechend und die Tränen vorhin?

 

„Eis?“, Max beugt sich nach vorne und hält ein Gefrierpack an Helgas Knöchel, „darf ich Sie zu einem Picknick einladen? Mit dem Knöchel schaffen Sie es ja nicht bis zum nächsten Restaurant ...“

 

„Danke ..., Herr Doktor, das ist sehr nett von Ihnen, aber ich muss Max finden ...“

 

„Keine Bange, ich werde zum Waldrand laufen und nach ihm sehen.“

 

So wie er Helga jetzt anlächelt und sie ihn, könnte man auf ein Attentat von Amor tippen, der seine Pfeile aus dem dunklen Wald auf die beiden abgefeuert hat. Und aus jenem dunklen Wald hastet plötzlich ein schwarzer Schatten auf Max und Helga zu.

 

„Max“, ruft Helga freudig, „da bist du ja wieder, du Schlingel.“

 

In seinem Maul trägt der vierbeinige Max ein zerkautes Handy, auf das der zweibeinige Max jetzt einen erstaunten Blick wirft.

 

„Ist das Ihres? Oh, das tut mir aber leid.“

 

„Macht nichts“, lacht Max „jetzt kann uns wenigstens niemand mehr beim Essen stören.“

 

Er nimmt das Handy und schleudert es erneut Richtung Wald, diesmal mit einem Lächeln. Max hastet hinterher.


Und wenn sie nicht gestorben sind ...