Tränen trocknen schnell

Eine Institution schließt ihre Pforten, einigen Herren wird das Wohnzimmer zugesperrt.

 

›Der Idiot‹ gehört zu den fünf bekanntesten Romanen Fjodor Michailowitsch Dostojewskis, die zur Weltliteratur gezählt werden. Nicht ganz so erfolgreich, aber lustig war ›Der Vollidiot‹ des Deutschen Tommy Jaud. In einem wesentlich trivialeren Genre, nämlich der Wirtshausliteratur, ist meine Erzählung angesiedelt. Ob sie irgendwann zur Weltliteratur aufsteigen wird? An einem windigen Novembermontag im Jahre 2012 trafen sich Freunde in einem Lokal, um zu trinken und Abschied zu nehmen, und einer wollte an diesem Abend vergessen, dass ihm bald die Heimat genommen wird. Den einen oder anderen hätte man im Laufe dieses Abends durchaus als ›Idioten‹ bezeichnen können. Aber vielleicht war der eine oder andere auch nur emotional in einem Ausnahmezustand gewesen, denn nicht jeder konnte mit einer Trennung für immer oder mit dem Abschiednehmen gleich gut umgehen.

 

Zugetragen hatte sich die Geschichte in einem Liezener Innenstadtlokal. Liezen, eine ehemaligen Eisen- und Stahlmetropole, die sich im Laufe der letzten Jahre das Kleid einer Handelsstadt übergestülpt hatte und so als Bezirkshauptstadt des größten österreichischen Bezirkes eine bewegte Vergangenheit gegen eine bewegende Zukunft tauschte. Der beißend rote Rauch, der seinerzeit wolkenartig über einen Sportplatz zog und junge Fußballer am Atmen hinderte, zog längst nicht mehr ungefiltert aus den Abluftanlagen der Maschinenfabrik Liezen, alles war eingehaust und so wie die Stadt auf umweltverträglich getrimmt worden. Die Menschen von Liezen atmeten den Duft naher Wiesen und Wälder, chillten am Wochenende im Alpenbad oder an den kristallklaren Seen des Salzkammerguts, bestiegen Berge oder erwanderten die Almen der Umgebung, im Winter fuhren sie Ski, liefen mit Kufen über das Eis des Putterersees oder rasten mit einer Rodel von der Mörschbachhütte ins Tal bis nach Donnersbachwald. Die Luft im Ennstal war zumeist sauber und rein. Nur an Wochenenden kam es mitunter zu einer erhöhten Konzentration von Auspuffgasen an der B320, einer viel befahrenen Bundesstraße, die direkt durch Liezen führte. Der Wachtelkönig, ein seltener Vogel, hatte seit Generationen den Bau einer Trasse durch das Ennstal verhindert und so musste sich der stark zunehmende Verkehr eben kurz vor der Auffahrt zur Autobahn A9 durch das Nadelöhr Liezen quälen. Zum Jahresende, wenn sich die Nebel in den Ennsauen erhoben und auf die Stadt zuschlängelten, konnte es vorkommen, dass sich die Abgase der Autos mit dem Grau der Nebelschlange verbündeten und die Autofahrer in einer depressiven Warteschlange an den gefühlt immer roten Ampeln ausharren ließen.

 

Es herbstelte auch an jenem ersten Montag im November und die breite Betonstiege, die zum Bierbaron hochführte, war mit einer Schicht bunten Herbstlaubs bedeckt. Der Wind hatte die Blätter eines alten Kastanienbaums, der gleich um’s Eck neben der Stadt-Apotheke aus dem Asphalt ragte, hochgewirbelt und auf der Stiege vor dem Bierlokal abgelegt. Vielleicht wollte sich ja auch der Wind verabschieden und hatte sich dafür etwas Besonderes einfallen lassen. Die dunkelroten Blätter hüllten die Treppe jedenfalls in ein feierliches Gewand.

 

»Da schau her, sogar den roten Teppich haben sie ausgerollt für uns«, witzelte Arnold Kotzberger zu Horst Semmelweis, als die beiden Freunde um etwa 18.00 Uhr auf die unterste der drei Stufen vor dem Lokal traten.

 

»Wer’s glaubt«, lachte Semmelweis schwermütig. Langsam stiegen sie die Treppe hoch und warfen einen melancholischen Blick nach rechts auf die leere Terrasse. Der eisige Wind hatte auch dort Blätter auf die betonierte Fläche gewirbelt. Vor wenigen Wochen hatten sie noch nachmittags an einem der runden Tische in der Sonne gesessen, Bier getrunken und den Verkehr auf der Ausseerstraße beobachtet. Und jedes Mal, wenn ein Auswertiger gegen die Einbahn gefahren ist, hatten die beiden gelacht, sich abgeklatscht und noch ein Bier bestellt. An einem Tag im August waren sie dabei auf fünf Halbe gekommen, bis 19.00 Uhr, danach galt das Spiel als beendet. »Man muss alles mit Maß und Ziel betreiben«, hatte Kotzberger lautstark gegrölt, »weil wenn jetzt noch einer gegen die Einbahn fährt, dann fährt das Bier wieder aus mir raus.« Nach dem Lachen ging er dann kotzen, der Kotzberger.

 

»´S war unser letzter Sommer vor dem Bierbaron«, schnaubte er jetzt, öffnete die hölzerne Eingangstür und Semmelweis schob sich hustend an ihm vorbei. Er drückte den schweren roten Vorhang zur Seite, der die spärlich vorhandene Wärme, die aus dem Lokal strömte, zwischen den Türen halten sollte.

 

»Nach dir, mein Freund«, lächelte Semmelweis jovial und Kotzberger glitt an dem nach Rauch stinkenden roten Stoff vorbei und drückte die Flügel der dahinterliegenden Schwingtür nach innen. Andächtig schaute er sich um. Links die Toiletten, vor ihm der Laufsteg, links und rechts davon Tische und Stühle, alle leer. Wie oft war er mit einem ›Spitzerl‹ den Laufsteg in Richtung Bar entlanggestolpert, wenn er vom WC kam. Die Lokalbesucher hatten ihn meist eingehend gemustert und geschätzt, wie viel Bier er schon getrunken hat. Vereinzelt hingen Spiegel an den Wänden, mit dicken goldverzierten Rahmen, die eher in das Seitenschiff einer Kirche als in ein Bierlokal gepasst hätten. Die Bar, ein großes dunkelbraunes U mit einer riesigen, silbrig glänzenden Schankanlage, aus deren zwanzig Zapfhähnen einst die besten Biersorten der Welt von Australien bis Irland gesprudelt waren, lag verwaist im gedimmten Lichtschein und trug einen Hauch Melancholie. Die Pendeltür, die rechts hinten in die Küche führte, hing leblos in ihren Angeln. Wie oft hatte Kotzberger die Chefin beobachtet, wie sie durch diese Türe in die Gaststube geschwebt war, immer mit einem Lächeln auf den Lippen und einem freundlichen Wort für jeden Gast. Er und Semmelweis waren in diesem Lokal aufgewachsen, hatten in dieser heiligen Räumlichkeit ihren ersten Rausch ausgefasst und Kotzberger hatte ihn anschließend geknickt seiner Mutter präsentiert. Sie hatten Kellnerinnen und Kellner überdauert, weder er noch Semmelweis konnte sich an ihre Namen erinnern. Wer würde sich in 30 Jahren an meinen Namen erinnern, sinnierte Kotzberger wehmütig und freute sich, als ihn aus den Lautsprechern Bon Jovi mit It’s my Life begrüßte. Vielleicht lag es daran, sich nicht mehr erinnern zu wollen, , vielleicht auch an ihrem Alter, vielleicht war es auch nur die Wut im Bauch, denn Fakt war: das Bierbaron würde in wenigen Wochen seine Schwingtüre für immer schließen, egal ob die Welt vorher untergehen sollte oder nicht. Alles Alte wurde zunehmend wegrationalisiert. Nicht rentabel, war der Tenor von Reich und Mächtig. Scheiß drauf, war die Antwort des kleinen Mannes.

 

»Eine Schande, find’st nicht auch?«

 

»Was?«, fragte Semmelweis abwesend und eilte mit durstigen Schritten auf den großen Stammtisch zu, der rechts vor der Bar, von Glas eingeschlossen, in einer kleinen Nische stand.

 

»Na das Bierbaron, dass es dicht macht«, hetzte Kotzberger hinterher. Er hatte sich vor gefühlten dreißig Jahren im Lokal verlobt, war bei seiner Hochzeit gegen Mitternacht mit Frau und Gefolge eingefallen und hatte die Sperrstunde dazu benutzt, die Hochzeitsnacht im Damenklo zu vollziehen, so hatte er es Semmelweis jedenfalls erzählt. Am liebsten hätte er ja auch die Taufe seines einzigen Sohnes, der übrigens auf den Namen Alfred ›Baron‹ Kotzberger getauft wurde, hier im Lokal abgehalten. Als er den Pfarrer damals fragte, ob man ein Kind auch mit Bier und in einer Kneipe taufen lassen könne, schüttelte der Geistliche ungläubig den Kopf und machte aufgeregt ein Kreuzzeichen. Gunilla Kotzberger hielt bei diesem Taufgespräch ausnahmsweise einmal nicht zu ihrem Mann und schlug sich ebenso kopfschüttelnd, aber ohne Kreuzzeichen, auf die Seite des Pfarrers.

 

»Ist leider nicht zu ändern«, sagte der Vorsitzende jetzt leise, dann lächelte er den Freunden zu, die schon am Stammtisch saßen, und begann wichtig deren Hände zu schütteln. Die glorreichen Zeiten waren vorbei, Erinnerungen Schall und Rauch, der Zahn der Zeit hatte unübersehbar an Tischen und Stühlen und auch an den Sitzauflagen der weitläufigen Bar genagt. Aus den Zapfhähnen floss nur mehr ein heimischer Gerstensaft, und ein deutsches Importbier wartete geduldig in einer Kühlschublade unter dem Tresen auf seine Bestellung. Der Euro hatte auch im Bierbaron ein unfreiwilliges Opfer gefunden, und das einst gut frequentierte Lokal darbte seit der Einführung der von vielen verhassten Gemeinschaftswährung seinem Ende entgegen. Die Liezener drehten, kurz bevor am 21.12.2012 die Welt untergehen sollte, jeden Cent lieber zweimal um, anstatt ihn einmal für ein Bier im Bierbaron auszugeben.

 

Doch an diesem ersten Montag im Monat November war alles anders. Da wurde das Bierbaron von dieser nostalgisch trinkfesten Männerrunde besucht und bei Alfons Kerstmann, dem kleinen, dunkelhaarigen Kellner, war sichtlich die Vorfreude auf ein fettes Trinkgeld zu erkennen. Seine blauen Augen funkelten an jenem Montag wie die eines Verdurstenden beim Anblick einer Oase. Aber der quirlige Kellner freute sich auch über Gesellschaft, denn die Abende alleine hinter dem Tresen zu verbringen, Gläser zu spülen, Gläser zu verstauen, Sudoku und Kreuzworträtsel zu lösen, da musste ja selbst der geduldigste Zeitgenosse irgendwann depressiv werden. Und die Montage waren immer besonders schlimm, da kam er sich manchmal vor wie im Wilden Westen. Er wartete an solchen Gästearmen Tagen nur mehr darauf, dass die Schwingtüre aufschwingt und ein vom Wind getriebener Strohballen ins Lokal holpert.

 

»Servus!«

 

Kotzberger winkte kurz Richtung Bar, Ali winkte kurz zurück. Nach dem Händeschütteln und der ersten dummen Bemerkung von Konrad Wacholder, der auf sein Rolex-Imitat klopfte und meinte: »Habt’s ihr euch noch einen von der Palme gewedelt oder hat euer Mittagsschläfchen heute länger gedauert«, kehrte rasch wieder Ruhe ein. Es wurde angeregt über die Schließung des Lokals, den ›scheiß Teuro‹, die unfähigen Politiker, regional wie überregional, und über die bevorstehende alpine Ski-WM in Schladming diskutiert. Semmelweis konnte sich als Nichtsportler einfach nicht erklären, warum da so ein Aufwand betrieben wurde und ob der im Zuge des bevorstehenden Weltuntergangs am 21.12. überhaupt sinnvoll sei. Es war das übliche Geplänkel der fünf Mann starken Runde, die eifrig damit beschäftigt schien, Bier zu tanken, um es letztendlich dem Urinal zuzuführen. Nur die beiden jüngeren, Josef Meisner und Simon Simoni, nippten an einem sauren Radler, was Semmelweis sofort eine kleine Gehässigkeit entlockte.

 

»Na Buam, vertragt’s kein richtiges Bier mehr? Oder habt’s Angst vor euren Weibern? Seit ihr im Außendienst seid´s, ist trinktechnisch nix mehr anzufangen mit euch.«

 

Sepp Meisner, der Ältere der jungen, 44 Jahre alt, winkte lächelnd ab. Er war sich jedoch nicht zu schade, einen aufklärenden Satz in Richtung des Stichlers zu schicken.

 

»Weißt, Horst, wir brauchen unsere Führscheine, berufsbedingt. Wie war das denn damals, als du grinsend in das Planquadrat gerauscht bist, mitten in der Stadt, bei der Wutscher-Kreuzung, hat dir dein Führerschein damals gefehlt?«

 

»Am Polizeiposten sollen sogar Tränen geflossen sein«, lächelte nun auch Simoni, 39 Jahre alt, der Jüngere der beiden, »so hat’s mir jedenfalls ein Bekannter erzählt, der wiederum einen Bekannten hat, dessen Bekannter damals Dienst hatte, in jener, deiner schicksalhaften Nacht.«

 

Man hätte ein herbstliches Blatt fallen gehört, so sich eines ins Lokal verirrt hätte. Der blassrosa Teint im Gesicht von Semmelweis tendierte plötzlich ins Rot. Bevor er über Simoni herfallen und der Abend in einem wilden Wortgefecht enden würde, preschte Kotzberger verbal nach vorn und brüllte: »Ali! Fünf Bier!«

Meisner schüttelte seine seidig schwarze Mähne und zwei strahlend weiße Zahnreihen blitzten aus seinem Gesicht.

»Ali! Drei Bier und zwei saure Radler, ja?“

 

Simoni nickte dankbar und vertiefte sich wieder in sein von Semmelweis unterbrochenes Gespräch über Zukunftsaussichten in der Außendienstbranche. Meisner hatte kurz zuvor das Schreckgespenst Internethandel und den Untergang des Außendienstes in den schwärzesten Farben über den Stammtisch gemalt, dagegen wäre der Weltuntergang noch akzeptabel, ja human.

 

Die drei älteren Herren am Stammtisch, Semmelweis, Kotzberger und Wacholder, bekannt für ihre exorbitant hohe Trinkgeschwindigkeit, vertieften sich plötzlich in ein geistreiches Gespräch über Sinn und Unsinn einer Zugreise. Konrad Wacholder befiel urplötzlich eine negative Störung seines Hormonhaushalts und die musste sofort auf den Tisch. Keine fünfzig Jahre, also der Jüngste der Alten, schimpfte er den pensionierten Semmelweis, wie dumm er denn sei, dass er einen Tag seiner wertvollen Lebenszeit mit einer Bahnreise nach Niederösterreich vergeudet hatte, nur so zum Spaß. Ins Auge fasste er bei seiner Moralpredigt auch den Frührentner Kotzberger, knapp über fünfzig Jahre, bester Freund von Semmelweis, exzellenter Stammtischphilosoph und freischaffender Künstler. Kotzberger hatte Semmelweis auf dieser Reise begleitet und war für Wacholder somit keinen Deut besser als der schmächtige Vorsitzende dieser Montagsrunde. Dass Kotzberger auf dieser Bahnreise zum ersten Mal über den Semmering fahren durfte, dabei die Viadukte und Tunnel bewundern konnte, von denen er schon als kleiner Junge geträumt hatte, scherte Wacholder nicht die Bohne. Semmelweis hasste es, wenn ihm jemand ans Bein pinkeln wollte, und so wechselte seine Gesichtsfarbe jetzt von Rauchgrau zu Wildschweingrau. Trotz seiner sechzig Jahre und des zumeist unsteten Lebenswandels konnte er sich immer noch Aufregen wie ein Junger. Kotzberger bemerkte die Farbveränderung und zornige Mine bei seinem Freund sofort. Er musste einschreiten, aber er wollte nicht schon wieder eine Runde bezahlen. Also überlegte er sich eine andere Taktik, um den sicher scheinenden Streit zu verhindern. Es war erst 19.53 Uhr, zu früh, um schon nach Hause zu wanken, in einer Stunde würde es dann passen. Leider hatte auch Kotzberger schon einiges getrunken und so fiel seine Wortwahl jetzt nicht sonderlich geschickt aus. Man könnte sagen, ein explosiver Streit war nur mehr eine Frage der Zeit.

 

»Also mir hat der Ausflug gefallen«, grinste Kotzberger fröhlich zu Wacholder gewandt, »und hättest du was Gescheites gelernt, hättest ja mitfahren können.«

 

Kotzberger war berühmt für seine, zumeist auf zu viel Alkohol basierenden provokanten Aussprüche. Der subtile Hinweis, dass Wacholder nur neidisch war, da er Tag für Tag als selbstständiger Computerunternehmer schuften musste, um sich und seine Familie zu ernähren, während Semmelweis und er durch ein geregeltes Einkommen in Form ihrer Pensionen in den Tag hineinleben konnten, war angekommen. Und diese ungeheuerliche Anmaßung, dass er dumm sei, konnte Wacholder natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Eine fette Zornesfalte prangte dunkelrot und erhaben auf der Mitte seiner Stirn. Es schien, als würde der hünenhafte Blondschopf gerade im Sitzen wachsen. Zudem reizte ein Gedanke Wacholders Synapsen, dass da zwei grenzdebile Reiselustige sein sauer verdientes Geld verpulverten, das er in Form seiner Steuern an den Staat abführte. Bis er einmal in Rente gehen könnte, würde davon nichts mehr übrig sein, dafür würde diese Duo sorgen, oder der Weltuntergang. Aber der Weltuntergang wäre ihm beim Arsch lieber als diese zwei Armenhäusler beim Gesicht. Und falls er die Rente aus einem anderen Grund nicht erleben sollte, Wacholder rauchte zügig, trank gierig und hatte stets Stress ohne Ende, dann wollte er auf keinen Fall hinnehmen, dass diese halblustigen Gestalten, die ihn jetzt so dummdreist angrinsten, sich auf seine Kosten die Welt anschauen. Da musste man dann auch mal eine dreißigjährige Freundschaft außer Kraft setzen, wenn es denn sein musste.

 

»Ihr zwei, ihr seid’s ja am Oberkopf auch noch deppert. Und du, Arnold, bist noch eine faule Sau obendrein«, fauchte er über Semmelweis hinweg zu dem immer noch süffisant grinsenden Kotzberger. Während Semmelweis sofort reagierte und das Grinsen einfror, er saß ja direkt neben Wacholder, grinste Kotzberger einfach weiter. Ihm machte es Spaß, seinen cholerischen Freund auf die Palme zu bringen, was, wie alle am Tisch wussten, nicht allzu schwierig war. Die beiden Jüngeren unterhielten sich weiter über ihre Dienstreisen und das Auftragsvolumen ihrer Kollektionen und hielten sich tunlichst aus dem aufkeimenden Streitgespräch, das urplötzlich die Qualität zu Handgreiflichkeiten annahm.

 

»Wie bitte?«, echauffierte sich Semmelweis, »reiß dich z’samm ...«

 

»Sonst was?«, polterte Wacholder und ballte seine Fäuste. Langsam erhob er sich von seinem Platz.

 

»Ja ..., Ding halt, ich mein ...«

 

»Ja? Was! Hä?«, funkelte Wacholder den grauhaarigen Pensionär an.

 

»Gebt’s doch bitte einen Frieden«, beschwichtigte nun Kotzberger, der von der Heftigkeit der Attacke überrascht worden war und kein Öl mehr in die Glut gießen wollte, »reden wir über etwas Anderes und trinken wir noch ein Bier.«

 

Manchmal hegt Kotzberger ja auch vernünftige Gedanken, dachte Wacholder, fuhr seinen Aggressionslevel nach unten und sowohl er als auch Semmelweis stimmten dem Angebot zu und riefen nach dem Kellner. Kotzberger wandte sich rasch den beiden Jungen zu und wollte mal kurz über Fußball diskutieren, obwohl es da in Liezen nicht viel zu diskutieren gab. Außer dass er sich eine schlagkräftige Regionalligamannschaft wünschte, die einer Bezirkshauptstadt würdig war, und die Gedanken der Gemeindegranden eher in Richtung Expansion in Sachen Handelsunternehmen gingen, denn da kam Geld rein, beim Sport musste man zuschießen. Interessanterweise kam die Diskussion nicht wieder auf das Abschied nehmen. Vor dem hatte sich Kotzberger an diesem Abend gefürchtet. Und es waren ja noch gut zwei Monate hin, bis die Lichter im Bierbaron endgültig verlöschen würden, und wer weiß, vielleicht geschah ja noch ein Wunder? Er ließ Semmelweis und Wacholder alleine fachsimpeln: über Sat-TV-Anlagen, Elektronikbauteile, Autos, verlorene Führerscheine und das weibliche Geschlecht. Mit Fortdauer des Abends und der steigenden Menge an Bier wurden ihre Zungen wieder spitzer und ihre Gedanken aggressiver. Und so kam es, dass Wacholder neuerlich eine verbale Zeitverschwendungsattacke gegen Semmelweis’ Bahnreise ritt. Sein zerebrales Gedächtnisprotokoll schien aufgrund der mittlerweile konsumierten Menge an Bier nicht mehr abrufbar und so konnte er sich auch nicht erinnern, dass sie diesen Themenschwerpunkt bereits eingangs der Trinksitzung behandelt und abgehakt hatten. Oder er wollte sich nicht daran erinnern, was bei seinem Blick als wahrscheinlicher galt. Plötzlich wurde es laut an dem großen Mahagonitisch mit den acht Ecken, der die Einigkeit einer Tafelrunde schmerzlich vermissen ließ. Aus dem Augenwinkel konnte Kotzberger beobachten, wie Wacholder entrüstet aufgesprungen war, nachdem sich Semmelweis grinsend zurückgelehnt hatte. Er stieß Kotzberger einfach zur Seite und verließ wild schnaubend das Bierbaron. Die Stammtischrunde blickte der hünenhaften Gestalt mit dem lockig blonden Haar verdutzt hinterher; alle, bis auf einen.

 

»Was ist?«, lallte Semmelweis mit schwerer Zunge. Kotzberger blickte nachdenklich in zwei gerötete Augen, die sich hinter einer Wolke aus Tabakrauch versteckten. Zwischen den Ältesten entspann sich ein biergeschwängerter Dialog:

 

»Was war los mit dem Wacho?«

 

»Der spinnt!«

 

»Das habe ich schon mitkriegt, aber warum?«

 

»Weil ich ihm g’sagt hab, dass er spinnt!«

 

Semmelweis nahm einen kräftigen Schluck Bier, ließ einen mächtigen Furz, dass jeder am Tisch die Nase rümpfte, und plärrte zu Ali hinüber, der hinter der Bar gerade die Gläser trocknete: »Zwei Bier, Kurzer, aber rasch!«

 

»Ich hab noch halb voll, danke.«

 

»Hey, Kurzer, der Kotzberger ist halb voll, bring trotzdem zwei.«

 

Ali schüttelte den Kopf und sein schwarzes Zöpfchen wippte neckisch hin und her. Langsam schlurfte er zur Musikanlage und zog den Schieberegler etwas nach oben. Ein Laptop mit Oldies von Hendrix bis Stones versorgte das Bierbaron mit den Grooves alter Rockgrößen. Es schien, als hätte irgendwer im Halbdunkel des Lokals die Zeit angehalten. Vielleicht sollte Ali einfach das Licht anlassen, wenn er nach Hause geht, dann würde die Zeit glauben, der Tag sei nicht zu Ende und das Bierbaron würde ewig offen bleiben.

 

»Also, was hast du zum Wacho gesagt, nur dass er spinnt? Das war alles?«

 

Semmelweis stierte Kotzberger einen Moment lang an, als müsste er überlegen, wer ihn hierher gebeamt hatte und wen er dafür zur Verantwortung ziehen musste. Lieutenant Nyota Penda Uhura! Ja, es konnte nur diese rattenscharfe Uhura gewesen sein, diese schwarze Braut hatte eben noch ihre Finger auf die Regler des Steuerpults gelegt und dann ... er schüttelte sich wie ein Kleinkind, wenn es in die Windel pinkelt und rülpste ein lautstarkes: »Jo!« Langsam sanken Semmelweis’ Lippen an Kotzbergers Ohr: »Und dass er ein Besserwisser und ein arrogantes Arschloch ist, habe ich ihm auch noch gesagt, stimmt ja, oder?«

 

Jetzt schüttelte Kotzberger seinen Kopf, in Ermangelung an Haaren bewegten sich nur seine großen Ohren ein wenig. Er stützte sein markiges Kinn auf die rechte Hand, rieb sich mit dem Zeigefinger die Nase und sagte: »Komisch. Er war doch noch gar nicht so voll heute, würde sagen, halbvoll! Dass er in diesem Stadium schon so ausflippt, ist mir neu. Hm ...«

 

»Es gibt auch halbvolle, die unter gewissen Umständen zum Idioten werden!«

 

Wacholder hatte Semmelweis natürlich seinen Standpunkt klargelegt: Was er von übertriebener Reiselust hielt, dass dabei seine Steuergeld verbraten würden, und dass er voraussichtlich um seine Pension umfällt, da die beiden ja nicht im Traum daran dachten, ordentliche Österreicher zu sein und bis zum Sterben zu arbeiten. Aber das wollte er Kotzberger jetzt nicht erzählen. Der hatte die leidige Pensionsdebatte und alles, was damit zusammenhing, bis obenhin satt. Das Einzige, was Semmelweis dazu beitragen wollte, war, sich regelmäßig Zigaretten zu kaufen, sich mit Bier einzudecken und, wenn das Bierbaron seine Pforten schloss, eventuell einen Pub für Freunde zu eröffnen. Einen Privatpub, versteht sich, ohne Besteuerung und alles, was damit zusammenhing. Es müsste funktionieren wie ein U-Boot, jede Menge Bier, jede Menge Spaß, aber keiner weiß, wo es sich aufhält.

 

»Und welche Umstände meinst du?«

 

»Keine Ahnung, Umstände halt.«

 

»Ach so ..., die ...«

 

»Gema schiffen?«

 

»Bin dabei, hab eh schon einen gewaltigen Druck auf der Blase!«

 

Nach ein paar Schritten über den Laufsteg, vorbei an leeren Tischen und Stühlen, standen die beiden Freunde mit glasigen Augen am WC und bewunderten ihren sattgelben Strahl ins Urinal. Der kleinere, bärtige Semmelweis stand an der linken, der größere Kotzberger an der rechten Pissoirmuschel. Ihre Blicke pendelten zwischen der grauen Fliesenwand und den jetzt wild umhersausenden weißen Kügelchen am Boden des Urinals. Vielleicht, dachte Kotzberger, sollte ich die Chefin fragen, ob ich eine der Muscheln haben kann, als Erinnerung, sozusagen. Er schüttelte den Gedanken ab und die zwei Pisser führten ein harmonisches Gespräch über die getrunkene Biermenge, rechneten die damit verbundenen Kosten überschlagsmäßig hoch, gelobten wieder einmal Besserung, was das Saufen betraf, und waren sich über die reinigende Wirkung des Bieres – ihre Prostata betreffend – einig. Und wer schon einmal zwei Besoffene beim Pissen belauscht hat, der wird sich wohl auch schon mal die Frage gestellt haben: Wie kann man(n) nur so viel Blödsinn daherreden?

 

»Je länger man mit dem Klogehen wartet, desto kräftiger kann man brunz’n«, lachte Kotzberger.

 

»Ja, das stimmt!«, pflichtete Semmelweis ihm bei, »bei mir pfeift’s ordentlich durch, die Pisse.«

 

»So einen kräftigen Strahl würde ich gerne mal beim Urologen haben, weißt, eh ...«

 

»Ja, (rülps), genau, beim Urnulogen, da wo man in die weiße Schüssel brunz’n muss, gell ...«

 

»Genau, da wo der Brunz-Druck gemessen wird!«

 

»Genau, das wär geil, da würden jetzt drei Brunz-Atü oder mehr aufleuchten, bestimmt ...«

 

»Oder drei Brunz-Bar ... haha ...«

 

»Genau, heut’ wird der Druck ja in Bar ...«

 

Plötzlich nahm Kotzberger im rechten Augenwinkel den Hauch einer Bewegung wahr. Ein Schatten glitt aus der Mauer, die die Pissoirmuscheln von der Waschmuschel im Eingangsbereich trennte. Und der Schatten brüllte ihm ganz fürchterlich ins rechte Ohr: »Ihr zwei, ihr seid’s die größten Volldeppen, die ich in meinem ganzen Leben getroffen hab. Am liebsten würde ich euch aber so was von eine ... Ach was, ihr seid’s das nicht wert, ich brauch euch nimmer ... mir waren einmal Freunde! Ihr Vollidioten, ihr zwei besoffenen ...«

 

Eines hatte der cholerische Schatten bei seiner ungestümen und überraschenden Verbalattacke auf den Pisser nicht bedacht: ein betrunkener Mann, der gerade sein bestes Stück bewundert, wie es einen nicht enden wollenden gelblichen Strahl ins Urinal ergießt, der sich in kosmischem Einklang mit plätschernder Wärme befindet und sich dabei ein frisch gezapftes, schaumgekröntes Bier vorstellt, so ein Mann hört nicht abrupt auf zu pissen, wenn man ihn anschreit. Auch nicht, wenn man ihn dabei zu Tode erschreckt.

 

Und Arnold Kotzberger war zu Tode erschrocken. Alles war so schnell gegangen, diese geifernde Lärmquelle, er konnte nicht begreifen, woher der Lautsprecher so plötzlich gekommen war und warum er ihn so dermaßen niederbrüllte. Kotzbergers Blasendruck war zwar nicht mehr so hoch wie zu Beginn ihrer Urinaldebatte, jedoch immer noch hoch genug, um der Hose des Schattens von den Knien abwärts den Abend zu versauen. So schnell wie der Schatten über ihn gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder. Kotzberger genoss noch kurz das metallische Klingeln in seinen Ohren, dann fragte er Semmelweis: »War das der Wacholder Konrad?«

 

Semmelweis gähnte, schüttelte seinen kleinen Horst, verstaute ihn im Hosenschlitz und klopfte seinem Freund im Vorbeigehen tröstend auf die Schulter. Auch Kotzberger packte zusammen, schwankte um die Ecke, wo Semmelweis schon an der Waschmuschel stand und verzückt an seinen Händen schnupperte. »Mh ... Tannenduft!«

 

»War er das oder war er’s nicht?«, wiederholte er lallend.

 

»Glaub schon, warum?«, entgegnete Semmelweis gleichgültig und wusch sich die Seife ab.

 

»Warum schreit mich der denn so an? Einfach so? Hä?«

 

»Keine Ahnung, vielleicht wegen der anderen Umstände? Vielleicht, weil er ein halbvoller Idiot ist? Vielleicht, weil er es auch nicht verkraften kann, dass er bald heimatlos ist, so wie wir. Was weiß ich!«

 

»Ich glaub, es könnte auch am Alkohol liegen«, flüsterte Kotzberger Semmelweis verschwörerisch ins Ohr, »und ich glaub, dass wir damit aufhören sollten, uns immer so wegzublasen am Stammtischmontag. Mit dem Alter sollten wir endlich vernünftig werden, stimmt’s oder hab ich recht?«

 

»Wird eh bald zu’gsperrt«, moserte Semmelweis und betrachtete sein plötzlich fahl werdendes Antlitz im Spiegel.

 

»Was?«

 

»Na, das Bierbaron! Es wird geschlossen, verdammt! Und wo treffen wir uns dann? Es gibt in ganz Liezen kein Lokal, dass nur annähernd so gemütlich ist wie das Bierbaron

 

»Scheiße! Genau!«

 

»Genau, und ... schlecht is mir auch ... jetzt. Verschwind ...« Semmelweis stolperte zur Tür für große Geschäfte, riss sie auf, ging auf die Knie, als wolle er beten, und würgte schreiend Kotzbergers Namen in die Muschel. Der stand in der Tür, schaute zu, wie sich sein Freund die Seele aus dem Leib kotzte, und begann ein Lied zu singen: »Am Anfang woa so vü Begeisterung, die höchsten Flammen san scho g’löscht, der Kopf wird oid, die Fantasie bleibt jung, wie leicht ma da Vernunft entwischt ...«

 

»Schönes Lied ..., von wem?«, hustete Semmelweis und wischte sich mit dem Ärmel seines Pullovers über den Mund.

 

»Rainhard Fendrich.«

 

»Heißt wie?«

 

»Tränen trocknen schnell.«

 

»Glaub ich nicht!«

 

Kotzberger griff seinem Freund unter den Arm, half ihm hoch und führte ihn zur Waschmuschel. Dort angekommen sahen beide in den Spiegel und jeder sah die Tränen des anderen, die bestimmt nicht so schnell trocknen würden, wie das Lied es versprach. Mit Ende des Jahres würden sie Lokallos sein und die Bezirkshauptstadt um eine Institution ärmer. Insgeheim wünschte sich Kotzberger, dass die Welt untergeht, denn eine Welt ohne Das Bierbaron ist keine Welt.

 

Copyright 2012 Alfred Stadlmann

 

 


Mein Dank geht an Heinz W. Pahlke, meinen Freund und Korrektor nach Berlin. Er achtet darauf, dass meine Texte lesbar bleiben, so weit ich auf ihn höre ... ;-)

 

Heinz W. Pahlke:

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