Wie im Himmel so auf Erden

 

Irgendwann endet jede Hypnose, sinniere ich ratlos vor mich hin. Oder ist es gar keine und ich träume nur? Also: wach endlich auf, Berti! Es ist stockdunkel, ich dagegen bin hellwach und hau mir jetzt eine rein. Eine ziemlich heftige Ohrfeige. Nichts! Es bleibt dunkel. Diese Hypnose dauert schon eine gefühlte Ewigkeit. Reinkarnation, Wiedergeburt, die Suche nach der eigenen Sinnlichkeit, so ein Scheiß. Alles leere Versprechungen! Aber der großgewachsene, dunkelhaarige Hypnotiseur und seine leicht bekleidete Assistentin hatten eindeutig auf mich gezeigt, als ich mich in der ersten Reihe demonstrativ in den Sessel plumpsen ließ. Warum komme ich auch immer zu spät? Wieso muss ich immer in der ersten Reihe sitzen? Weshalb bin ich so ein Wichtigtuer? Und warum ließ ich mich von Horst dazu breitschlagen, diese Hypnose-Show zu besuchen.

 

Egal, ich muss das irgendwie beenden. Ich will raus aus dieser Hypnose! In Zukunft werden mich verlockende Angebote, wie diese Blondine mit den großen Brüsten, nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen. Von wegen, eigene Sinnlichkeit erfahren, mit beinahe fünfzig Jahren sollte ich nicht an amouröse Abenteuer denken, sondern an Prostatakontrolle, Darmspiegelung, Gesundenuntersuchung und ... tja, vielleicht auch mal wieder an meine Frau, Carmen.

 

Wie funktioniert denn das, eine Hypnose bewusst zu beenden. Scheiße ... Im Nirwana gibt´s kein Google! Ich bin erledigt. Vielleicht lässt mich dieser Hypnotiseur gerade irgendwelche Kunststücke vorführen. Nackt am Tisch tanzen, Zwiebel essen oder Ähnliches ... was weiß ich? Blödsinn! Moment mal, da vorne zeichnet sich ein schmaler Lichtstreifen auf dem Boden ab. Eine Tür? Der Ausgang? Muss ich da durch um hinauszukommen? Wenn ich jetzt die Klinke runterdrücke, aufwache und wie ein begossener Pudel dreinschaue, wird der Saal bestimmt toben, dessen bin ich mir sicher. Nicht ganz sicher bin ich, was ich in den etwa 150 Personen im Saal in der Zwischenzeit für eine Show geboten habe. Reiß dich am Riemen, Berti und mach endlich diese verdammte Türe auf. Egal was dahinter auf dich wartet, es ist allemal besser als hier in dieser Dunkelheit zu verharren.

 

Sanft drücke ich die Türklinke nach unten. Kein Laut mehr zu vernehmen. Gerade ging es hinter der Tür noch zu wie bei einem Fußballspiel, jetzt herrscht Stille. Nur ein grelles Licht blendet mich und ich denke: An Orten wie diesen, wo dir so himmlisch weißes Licht entgegenleuchtet, kann es nicht gefährlich sein. Definitiv ist das nicht der kleine Saal, wo mich dieser vermaledeite Hypnotiseur wohl seit geraumer Zeit vorführt. Motiviert schwinge ich die Türe ganz auf, da überrollt mich heftiges Gezeter.

 

„Foul, hast du das nicht gesehn? Sag was, schließlich bist du der Schiedsrichter.“

 

Ich trete vorsichtig in den Raum. Drei Typen sitzen vor einer Art Fernseher und verfolgen ein Fußballspiel. Na, das nenne ich mal Glück, von Fußball verstehe ich was. Im Gegensatz zu meiner Frau Carmen, weiß ich, was Abseits ist. Der Raum scheint unendlich ist aber spartanisch eingerichtet, und ... alles ist in so grellem Weiß gehalten. Das Sofa, die Stehlampe, der Fernseher, der Teppich, die Controller der beiden Gamer (aha, die spielen Fußball auf einer Konsole), sogar die Bilder an den Wänden sind ganz in weiß gehalten, sollten dort welche hängen. Ich blicke mich um. Die Tür, durch die ich gerade eingetreten bin ist weg, verschwunden im Weiß. Komisch? Das Fußballspiel, scheint im Raum zu schweben. Alles bis auf die drei Typen, die gerade heftigst miteinander über eine Fehlentscheidung des Unparteiischen diskutieren, verblasst in milchigem Weiß. Als hätte jemand einen Tanklastzug Alpenmilch in eine überdimensionale Kaffeetasse gekippt. Die Haare des Typen in der Mitte, der den Schiedsrichter mimt und sich anscheinend nicht auskennt – das behauptete zumindest der Typ, der links von ihm sitzt – sind lang, wellig und weiß. Jener Typ mit dem Heiligenschein, der rechts vom Weißhaarigen sitzt, hat seinen Kopf jetzt zum Gegner gewandt und grinst provozierend. Einen Heiligenschein zu tragen beim Fußball ... ziemlich abgefahren, das muss ich schon sagen. Vermutlich Italiener, denke ich, die sind ja durchwegs sehr gläubig, wenn es um Sport geht. Demnächst wird wahrscheinlich eine Kellnerin den Raum betreten, denn das Bier in den Gläsern neigt sich dem Ende zu. Weißes Bier ... echt abgefahren, also wirklich.

 

„Hallo ..., kann mir mal jemand helfen?“, raune ich leise.

 

Kein Kommentar. Die drei nehmen mich nicht wahr. Als wäre ich gar nicht im Raum; sie sind voll auf ihr Spiel fixiert.

 

„Hallo“, rufe ich etwas lauter. Keine Reaktion.

 

Langsam verstehe ich die Frauen. Scheiß Fußball. Ich mache einen Schritt nach vorne, um in das Blickfeld der Drei zu gelangen. Von hinten habe ich diese langmähnigen Fußballfans jetzt lange genug betrachtet. Vielleicht können sie mich ja nicht hören, ihr Fernseher läuft nicht gerade auf Zimmerlautstärke. Da würde sich Carmen und meine Nachbarn bestimmt freuen, wenn ich Fußball mit dieser Lautstärke gucke, aber Hallo. Plötzlich jubelt der links vom Schiedsrichter über eine gelungene Aktion und reißt beide Arme hoch. Dabei verliert er seinen Game-Controller, der wirbelt durch die Luft und landet genau vor meinen Beinen. Der Controller ist groß, extrem groß. Er hätte mich beinahe erschlagen. Auch der Typ, der jetzt auf mich zukommt, ist riesig. Den habe ich schon mal irgendwo gesehen. Dieses Gesicht, diese braune Kutte, und die abgefuckten Sandalen kommen mir bekannt vor. Aber sein freudiger Gesichtsausdruck passt nicht zu dem Gesamtbild, das ich von ihm habe. Er steht jetzt beinah auf mir, scheint mich aber noch immer nicht zu sehen. Drehen die hier einen Werbespot für Brillen, oder was? Rasch laufe ich ein paar Schritte zur Seite, winke, hüpfe und schreie so laut ich kann: „Haaaallo.“

 

Nichts, keine Reaktion, als wäre ich Luft. Moment mal ..., vielleicht bin ich ja gar nicht hier. Vielleicht bilde ich mir das hier nur ein. Hypnose-Trauma oder so was? Nein, ich sehe die drei Typen doch vor mir, dreidimensional, mit wallender Mähne, wahrscheinlich ist Kutten-Franz nur blind. Komisch,ein Blinder der Fußball zockt? Ich schleiche zur rechten Seite des Sofas, das enorme Dimensionen hat. Da stimmt etwas nicht. Das Bild von Alice im Wunderland baut sich vor mir auf, wo sie diese Pille nimmt und immer kleiner wird. Mein Blick fällt wieder auf das im Raum schwebende Fußballspiel und bestätigt beim Befürchtungen. Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Die zocken das Champions-League Finale in Madrid: Bayern München gegen Manchester United. Moment mal? 1999?

 

Was fabriziert dieser Hypnoseheini da für eine Show? Egal, es ist auf jeden Fall das Endspiel, denn es steht 1:0 für Bayern und es sind nur noch wenige Minuten zu spielen. Der Italiener mit dem Heiligenschein ist jetzt komplett aus dem Häuschen und malträtiert seinen Game-Controller auf das Heftigste. Moment mal, der kommt mir jetz auch bekannt vor. Im Gegensatz zu Kutten-Franz ist seine Toga aber strahlend weiß und leuchtet überirdisch hell, wie die vom Schiri. Der Heilige mit dem Schein wirkt sehr entschlossen und steuert mit seinem Controller David Beckham, der in diesem Moment einen Eckball auf den Kopf von Teddy Sheringham zirkelt.

 

„Tooooor“, schreit der Heiligenschein, was Kutten-Franz sichtlich auf den Geist geht.

 

Der Schiedsrichter gibt den Treffer.

 

„Scheiße“, ruft Kutten-Franz zornig.

 

„Nicht so forsch, mein Sohn“, maßregelt ihn der Schiri.

 

Ich starre gebannt auf den Bildschirm und sehe, wie Manchester nach dem Bayern-Anstoß sofort den Ball zurückerobert. Ich weiß, was kommt, leider. Neuerlich Ecke für Manu, getreten von Beckham. Der flankt den Ball mit viel Effet in den Strafraum; die Bayern kriegen den Ball nicht weg ... und; Ole Gunnar Solskjaer schnappt sich das Leder und knallt den Ball unhaltbar für Oli Kahn ins Bayern Tor.

 

Der Schiedsrichter pfeift die Partie ab. Jetzt fliegt der Controller des Heiligenscheinträgers durch die Luft und Kutten-Franz weint bitterlich. Der mit dem Heiligenschein ist im siebten Fußballhimmel und ich ... Oh mein Gott, ich bin im Himmel! Da sitzen vor mir auf ihrem weißen Sofa, Jesus, Gott-Vater und der Heilige Geist und haben den Bayern soeben eine Fußball-Lektion erteilt. Von wegen: Mia san mia! Ich weiß nun, dass Fußballspiele im Himmel entschieden werden. Diese Erkenntnis hilft mir und dem FC-Bayern nicht weiter. Ich will zurück in diesen Seminarsaal, egal wie sehr ich mich dort zum Affen gemacht habe.

 

„Aber hallo!“ Jemand packt mich am Kragen und hebt mich hoch. Ich blicke in zwei riesige, meerblaue Augen ... oh nein es gibt also auch eine Gott-Mutter. Ihr Gesicht gleicht dem einer Madonnenstatue: sanfte Züge, mildes Lächeln,  ohne diese alt machenden Risse wie bei diesen Marienstatuen und ... es ist ... riesengroß? Moment mal, das kann ja nur bedeuten ... Ich blicke an mir hinab: Kleine Hände, kleine Füße, kleine Beine, kleiner Pe..., ach du Scheiße.

 

Gott-Mutter legt mich auf ihre Handfläche und trägt mich in einen Nebenraum. Sieht aus wie die Himmelsküche. Sie lächelt mich an und sagt mit sanfter Stimme: „Na, Berti, du kleiner Scheißer, was machst du denn hier? Hast dich wohl verlaufen? Jetzt aber rasch, du wirst ja heute neu geboren.“

Was? Wie bitte?

 

Sie schnappt mich mit ihren Fingern, wie eine Löwin ihr Junges am Kragen und trägt mich an der Spüle vorbei. Mir schwinden die Sinne. Ich baumle hier im Himmel, zwischen Daumen- und Zeigefinger von Gott-Mutter, bin am Rande eines Nervenzusammenbruchs, was Gott-Mutter nicht sonderlich zu beeindrucken scheint und blicke an ihrer fleckenlos weißen Küchenschürze abwärts, wo ein überdimensionaler Mülleimer am Fliesenboden auf mich zu warten scheint. Gott-Mutter steigt tatsächlich auf das weiße Pedal, der Deckel öffnet sich, ich zapple wie ein Fisch den man das Wasser geklaut hat und ohne ein weiteres Wort – sie hätte mir ja gute Reise wünschen können – lässt sie mich in den Eimer plumpsen. Na toll! Die letzten Worte die ich im Fallen vernehme kommen von Jesus: „Ma, das Bier ist alle, bringst du uns noch drei?“

 

Wie im Himmel so auf Erden.

 

Ich falle und falle und es ist wieder ... na klar, stockdunkel. Durch einen engen Schlauch gleite ich abwärts und falle nach einer kleinen Rutschpartie klatschend in eine Art Planschbecken – vermute ich jedenfalls, denn sehen kann ich ja wieder mal nichts, verdammte Kacke. Was hat Gott-Mutter gesagt? Du wirst heute neu geboren? Vielleicht als Maulwurf! An die Dunkelheit habe ich mich mittlerweile gewönnt. Nein, es ist Wasser, aber wenigstens ist es angenehm warm. Meine Badefreude währt aber nur kurz. Irgendjemand muss den Stöpsel aus der Wanne gezogen haben, denn das Wasser verflüchtigt sich rasant. Ich werde mitgerissen und nähere mich unaufhaltsam einem vertikalen Lichtschlitz. Wo werde ich diesmal hineinschlittern oder besser ... hinausschlittern? Der Lichtspalt ist weich und warm, aber verdammt eng. Als ich meinen Kopf hindurchstecke, um endlich zu sehen, wer da draußen so erbärmlich schreit, packen mich zwei riesige Hände am Kopf und unter mehrstimmigem Gebrüll: „Einmal noch pressen“, werde ich in das grelle Licht eines Entbindungszimmers gezogen.

 

Ach du dickes Ei – nicht nochmal alles von vorne, nicht noch einmal – „Maaammmaaa!“

 

Ein Mann und eine Frau in weißer Kleidung, die sich über mich beugen, wirken sichtlich erleichtert, als ich verdattert meine Augen aufschlage und frage: „Wo bin ich?“

 

„Wir haben Sie gerade noch zurückholen können. Wissen Sie ihren Namen?“

 

„Bertram Kowaltke“, stottere ich erstaunt, „wieso?“

 

„Na ja“, sagt der junge Blondschopf, „weil sich viele Leute nicht an ihren Namen erinnern, nachdem sie reanimiert wurden.“

 

„Reanimiert?“

 

„Ja Herr Kowaltke, sie hatten einen Infarkt. Sie sind aber schon wieder ziemlich neugierig. Ihr Kollege hat uns darauf hingewiesen“, schmunzelt das hübsche junge Ding, das meine Hand hält und vermutlich den Puls tastet.

 

„Der Horst?“

 

„Ja, er meinte: wenn Berti beginnt sie auszufragen, dann ist er am Weg der Besserung.“

 

„Die Uniform des Österreichischen Roten Kreuz steht Ihnen ausgezeichnet, junges Fräulein. Hätten Sie vielleicht einmal Zeit für ein Interview. Sie retten Leben und das würde unsere Leser bestimmt interessieren.“

 

„Danke, darüber reden wir ein andermal und jetzt entspannen Sie sich. Wir bringen Sie ins LKH Rottenmann, dort wird man sie nochmals ordentlich durchchecken. Dort wird man ihnen sagen, wie es weitergeht.“

 

Sie lächelt, schließt die Tür des Krankenwagens, klopft an die Trennwand und ruft: „Abfahrt, Klaus!“