Leiche an Bord

 

Ein Fläschchen Schweppes in der Hand, eine Mütze voll Schlaf in den Augen, so steckte der Fredi pünktlich um 4.00 Uhr morgens seinen Kopf durch den Niedergang, voll adjustiert zum Wachdienst. Pünktlich wie die Österreichische Bundesbahn, wenn sie mal einen guten Tag hat. Man könnte fast meinen, der Fredi sei ein Pünktlichkeitsfanatiker und wenn du das glaubst, dann hast du völlig Recht. Das war er schon immer und manche munkeln sogar, dass ihm dieser Tick und sein Ordnungsfanatismus sein Ding beschert hat. So ein Ding braucht einen guten Nährboden, das kommt ja nicht von heute auf morgen, das wächst ganz langsam, über Jahre hinweg. Bemerkbar macht sich das Ding zuerst im familiären Umfeld des Betroffenen, wo es meist durch aggressives Kommunikationsverhalten auffällig wird. Und wenn man den Betroffenen geradewegs auf die Stirn zusagt, dass er sich in ein Arschloch verwandelt hat, dann fühlt der sich vor den Kopf gestoßen, so war es jedenfalls beim Fredi damals. Sein ewiger Kontrollzwang, sein Hang zum Perfektionismus, all das ist vor drei Jahren binnen Sekunden in ihm zusammengebrochen und sein Ding aus ihm herausgebrochen. Das Ding hatte dabei alles in seinem Innersten weggewischt, auch der Sauberkeitsfimmel war damals erloschen, doch genau der war es jetzt, der dem Fredi etwas ins Blickfeld rückte, was er so gar nicht sehen wollte. Aber vorerst schaute er noch auf die leichte Dünung und befand: Es würde eine Fahrt in einen nassgrauen Morgen. Er wusste auch, es würde sein letzter Tag an Bord sein, er hatte die Schnauze gestrichen voll vom Segeln. Die Kameraden wussten das noch nicht, denn der Fredi hatte in seiner Koje beschlossen, es ihnen ganz kurzfristig zu sagen, in Palermo, wegen der Abschiedstränen und so. Wasser hatten sie ja schon genug, rund ums Boot und zum Teil auch im Boot, also Wasser, soweit das Auge reichte. Jetzt ordentlich adjustiert: Ölzeug, Rettungsweste mit Life-Line, Handschuhen, Südwester und Stirnlampe betrat der Fredi das Cockpit und sah ... Eine Leiche. Sein Kojenblick wurde weggefegt.

Mike saß am Ruder gezeichnet von einer anstrengenden, unruhigen Nacht und rauchte. Der Fredi fing an zu überlegen: Soll ich es ihm gleich mitteilen oder soll ich mir vorher noch eine Zigarette anzünden. Weil der Fredi gehörte ja auch zu den Rauchern an Bord. Mike hatte nach einigen Jahren Raucherabstinenz vor diesem Törn wieder angefangen zu rauchen – vielleicht hatte er ja geahnt, dass es ein wilder Ritt werden sollte. Nach diesem Törn würde er aber wieder aufhören, sagte er bei einer Segelbesprechung – schau mer mal. Der Grüger war der stärkste Raucher an Bord. Wenn er nicht gerade schlief oder aß, paffte er zumeist wie eine Dampflok am Semmering. Und der Fredi, der hatte nach zwei Jahren Rauchpause wieder angefangen, weil er sich in Graz nach einem Psychologenbesuch dachte: Lieber mit Genuss sterben, anstatt als enthaltsamer Psycho, mit meinem Ding, durch die Welt zu torkeln.

Durch Mikes Wiedereintritt in die Raucherwelt war eine Patt-Situation an Bord entstanden: Drei Raucher, drei Nichtraucher. Kein Herumhacken der Nichtraucher auf den Rauchern und keine Standpauken bei deren Rauchpausen.

Ich sag´s ihm lieber gleich, dachte der Fredi jetzt. Der Mike am Ruder war in dem Moment ja sein Vorgesetzter, der Skipper, und damit Herr über Boot und Mannschaft und alles was sich darauf befand.

„Morgen“, sagte der Fredi freundlich und ganz beiläufig fügte er an: „da liegt eine Leiche!“ Und schon hatte er die volle Aufmerksamkeit von Mike.

„Wie, was, wo“, stammelte der und schaute hin und her, als hätte irgendwo der Blitz eingeschlagen. Ganz verdattert linste er unter seiner Musto-Schirmmütze mit den Ohrenschützern hervor.

„Da, vor dir, auf der Cockpitbank“ sagte der Fredi, deutete hin und hängte noch ein pflichtbewusstes „steuerbord“ an.

„Oh, da ist wohl nichts mehr zu machen“, schürzte Mike die Lippen und blickte mitleidsvoll auf den Vogel in Spatzengröße, der leblos vor ihm auf der Cockpitbank lag „da hat sich der Cookie bei seiner Wache wohl unabsichtlich draufgesetzt. Der Vogel ist uns in der Nacht zugeflogen und hat sich ganz erschöpft bei ihm auf der Bank niedergelassen.“ Du musst wissen, der Cookie hatte die Wache vor Fredi, es wurde im Dreistundenrhythmus übergreifend gewechselt.

„Mit Verlaub, Skipper“, sagte der Fredi ganz unterwürfig, „wenn sich der Cookie auf den Vogel gesetzt hätte, wäre der platt wie ein Abziehbild und seine Körpersäfte gut sichtbar über das Cockpit verteilt. Vermute, der Piepmatz ist an Entkräftung gestorben.“

„Hmm, an dir ist ja ein echter Kriminaler verlorengegangen. Also ... Seebestattung!“

„Aye Skipper, Seebestattung. Willst du vorher noch ein paar Worte sprechen?“, sagte Fredi mit stoischer Miene und blickte auf den leblosen Vogel in seiner Hand.

„Futter für die Fische ... Lebwohl“, sagte Mike und Fredi warf den Vogel ins Meer. Eine graue Wolkendecke hing knapp über der Wasseroberfläche und der feine Regen prasselte sanft auf den Tierkadaver. Die beiden blickten vom Steuerstand auf die kleine Leiche, Fredi schürzte die Lippen und ahmte trompetend ›Amazing Grace‹ nach. Diese Melodie passte gut zum Akt der Verabschiedung. Das Meer war ruhig und die Wellen kräuselten jetzt weiße Schleier um den kleiner werdenden Kadaver, der langsam im achterlichen Fahrwasser der Bellissima in den Fluten des Thyrennischen Meeres versank.

„Wir hätten ihn vielleicht in einen Sack einnähen sollen“, grinste Fredi.

„Du siehst zu viel fern, Jack Sparrow.“

„Captain ... Jack Sparrow!“

Dann lachten beide, zündeten sich eine Zigarette an und blickten aufs graue Wasser, das sanft über den Rumpf der Bellissima streichelte, sozusagen ein paar Streicheleinheiten vor den nächsten Watsch´n.

 


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