Palermo-Syndrom

Ach du Scheiße!

„Da, die Via Papa 72“, rief Mike und deutete auf ein kleines Nummernschild an einer hässlich grauen Mauer. Grüger stapfte langsam hinter der Vierergruppe her, die etwa fünf Meter vor ihnen stehengeblieben war. Auch Fredi wollte hinterher doch seine Turnschuhe schienen plötzlich am Asphalt zu kleben. Schweiß perlte von seiner Stirn und ein Grummeln in seinem Darm lässt ihn übles ahnen. Seine Beine hatte er sicherheitshalber schon mal überkreuzt. Verdammt, nicht jetzt und vor allem nicht hier, flehte er den Gott der Erleichterung an. Doch der kannte kein Erbarmen. Grüger blieb stehen, drehte sich um und blickte erstaunt zu Fredi: „Was ist?“

Der presste ein einfaches aber verständliches Wort über die Lippen: „Scheiße!“

„Echt jetzt?“

„Jahaaa!“

Während vier Mann des „all4one Team“ flotten Schrittes in eine Seitengasse abbogen, blieb Grüger bei Fredi. Beide blickten suchend auf die andere Straßenseite, wo sich nicht gerade einladend ein Geschäft an das Nächste reihte, aber nirgends fand sich ein Hinweisschild auf eine öffentliche Toilette.

„Im Normallfall wäre es ja nicht so tragisch, wenn du einfach hier an die Mauer ... schaut eh überall so grauslich aus“, versuchte Grüger den Fredi etwas aufzuheitern. Das ging spurlos an dem vorbei. Obwohl er froh war, dass ihm wenigstens einer des Teams zur Seite stehen stand in dieser beschissenen Situation, wenn auch ziemlich hilflos. Die sechs Tage schlechtes Wetter, die Probleme mit Petra, die Defekte der Bellissima, und sein Ding ... All das war nichts, gegen die angespannte Situation, mit der sich Fredi nun konfrontiert sah: „Scheiße, Scheiße, Sch ... pfff“, presste er wie eine werdende Mutter und hechelte dazu wie ein Hund dem zu heiß war.

Mit großen, feucht werdenden Augen versuchte er an etwas anderes zu denken und kam auf die Idee, über die Bezeichnung „all4one-TEAM“ auf seinem Hemd nachzudenken. Alle für einen sollte das doch heißen! Und jetzt war nur mehr Grüger neben ihm. Aber was hätten seine Kollegen denn groß machen sollen? Ihn vor den Blicken der Leute in einem Kreis abschirmen und ihre Hände aufhalten? Ihn aufheben und über die Straße tragen, einer links, einer rechts und dazwischen hängend der Fredi mit gepresstem Gesichtsausdruck und überkreuzten Beinen, das hätte bestimmt lustig ausgesehen, obwohl es das im Moment für Fredi bei Gott nicht war.

Plötzlich spürte er dieses erleichternde Grummeln in seinem Darm und wusste: Viel Zeit bleibt mir nicht. Der Scheiß kommt wieder, der will raus, der lässt sich nicht vertrösten, den interessiert nicht das Wo und Wann und dass hier auch keiner Deutsch sprechen wird. Er hastete über die Straße und wollte in ein Modegeschäft einfallen, da rappelte sich so eine dicke grauhaarige, alte Sizilianerin am Eingang von ihrem Stuhl hoch und hielt demonstrativ ihre kurzen, fleischigen Arme vor der ausladenden Brust verschränkt. Sie blickte zu Fredi hoch und faselte sizilianisch aufgeregt irgendwas daher. Der Fredi verstand aber kein Sizilianisch und da es sich um einen Notfall handelte, versuchte er ihr auf Englisch seine missliche Lage klar zu machen: „Please, I need a toilet … Immediately“, presste er zwischen den Zähnen hervor und der Schweiß tropfte nicht, er strömte von seiner Stirn. Die Alte vermutete wohl, dass sie einen Attentäter von Al Kaida mit aktiviertem Sprengstoffgürtel vor sich hatte und begann heftig mit ihren fettigen Armen zu wedeln. Ihre kohlrabenschwarzen Knopfaugen fixierten den leidenden Fredi und der konnte darin lesen: „Verschwinde, du Bastard!“ Ein junger pickelgesichtiger Sizilianer mit gegelltem schwarzem Haar kam langsam hinter dem Pult hervor und ging auf Fredi zu. Zwei attraktive schwarzhaarige Mädchen, von denen er sich mühsam losgeeist hatte, fixierten Fredi und Grüger interessiert. Grüger grinste die Mädchen an, Fredi sah das aber nicht, er war voll auf sein Problem und auf den hageren Jungen konzentriert: „Please, help me! I need a toilet … Very immediately“.

Und jetzt pass auf, weißt du, was der Junge zum Fredi gesagt hat: „Sorry, the toilet ist full.“ Der grinste nicht einmal dabei, der war sowas von gefasst bei diesem Sager, dass der Fredi ihm jetzt glaubte, obwohl er ihm nicht glauben wollte.

„Grummel, grummel ...“, sogar Fredis Darm schien dieser Spruch Spaß zu machen.

Der Fredi hätte am liebsten geantwortet: „Ich scheiß dir einen Gupf auf dein „Full“, lass mich einfach auf die Toilette“, aber er sagte nichts, denn sein Darm gab ihm noch eine zweite Chance. Er drehte sich um und zog Grüger mit hinaus auf die Straße, weiter zum nächsten Geschäft, wo er ein Geschäft zu erledigen hatte – very immediatly!

 

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