Eine kurze Leseprobe zu Herr Karl & Herr Kurt.

 

Diese Geschichte wurde nicht lektoriert und ist in Buch und E-Book nicht enthalten. 


Austro-Viagra

 

Herr Karl faltet langsam die Zeitung zusammen und greift in eine graublaue Stoffumhängetasche. Sein Blick schweift durch das Café, doch niemand scheint Notiz von ihm zu nehmen. Zwei ihm fremde jüngere Männer sitzen ein paar Tische weiter und unterhalten sich leise bei einer Tasse Kaffee. Herr Kurt liest in der Zeitung und rührt unablässig in seiner Melange. Vorsichtig zieht Herr Karl ein iPad aus der Tasche, legt es auf den Tisch, klappt die Hülle auf und tippt ein paarmal auf das Display, um das technische Wunderwerk aus seinem Tiefschlaf zu holen.

 

»Was ist denn das für ein Ding?«, fragt Herr Kurt neugierig und beendet das nervige Rühren in der Tasse. Er beugt sich näher zu Herrn Karl. Der nickt gönnerhaft und erklärt im Vertreterjargon: »Das, mein lieber Freund, ist das neueste iPad von Apple! Ein Tablet-PC mit 32 GB Speicher und hochauflösendem Retina Display. Ich habe unlängst von Frau Heidi erfahren, dass das Café Müller jetzt gratis W-Lan anbietet. Gratis! Stell dir das einmal vor, wo gibt´s heute noch was gratis. Das muss ich unbedingt ausprobieren.«

»Was ist ein W-Lan? Und was willst du mit dem Ding da machen?«

»Pass auf! Ein W-Lan ist eine Funkverbindung, über die ich jetzt mit meinem iPad ins Internet einsteige; sozusagen aus dem Gastgarten des Café Müller hinaus in die weite virtuelle Welt.«

»Ach so, jetzt weiß ich, warum die Else immer über diese Tablet-Computer so schimpft …«

»Was matschgert dein Kuchldragona schon wieder über dieses Wunderwerk der Technik?«

»Ich hab dich schon einmal gebeten, meine Frau nicht ›Kuchldragona‹ zu nennen. Das gehört sich nicht. Außerdem führt sie nicht alleine das Regiment in der Küche, ab und an koche auch ich ganz leckere Gerichte.«

Beleidigt verschränkt Herr Kurt seine Arme vor der Brust und starrt durch das Fenster zur Fußgängerzone hinüber. Herr Karl zeigt sein freundlichstes Lächeln und sagt: »Ist schon gut, komm wieder runter vom Baum. Was passt deiner Küchenfee Else denn nicht an einem Tablet?«

Wie so oft gibt Herr Kurt nach und Herr Karl bekommt seine Antwort.

»Nun ja, sie meint, dass diese Dinger Zeitdiebe sind und einem den Blick auf das Wesentliche verbauen.«

»Jetzt hätte ich doch glatt die Frau Heidi übersehn. Gehns, bringens mir bitte noch ein kleines Bier. Fesch, sind´s heute wieder beieinander, knackig und resch.«

Herr Karl schnalzt mit der Zunge und seine Augen führen einen Ganzkörperscann durch. Frau Heidi, trägt eine kurze braune Lederhose, rot-weiß karierte Socken, braune Trachtenslipper und ein bis zum dritten Knopf offenes, rot-weiß kariertes Trachtenhemd. Aufgrund der tastenden Blicke von Herrn Karl und der Betonung auf ›heute‹ schaut sie ein wenig pikiert drein. Schwungvoll wirft sie ihre Zöpfen in den Nacken und nimmt das leere Bierglas vom Tisch. Herr Kurt tritt Herrn Karl unter dem Tisch ans Bein.

»Aua … Ähm … ich meine …, sie sind natürlich immer eine Augenweide, Frau Heidi«, versucht Herr Karl seinen Fauxpas auszubessern.

»Danke, solche Schmeicheleien aus Ihrem Mund, dass ich das noch erleben darf«, entgegnet Frau Heidi mit einer Spur Sarkasmus.

Sie macht kehrt und verschwindet hinter der Theke. Herrn Karls Blick senkt sich auf sein iPad. Plötzlich hellt sich seine Miene auf. Nach ein paar Klicks ist das iPad im W-Lan Netz eingeloggt.

»Da schau her, da schreibt der Standard: ›Ab sofort ist Viagra, das Medikament für Männer mit erektiler Dysfunktion, als Generikum erhältlich - Auch ein Austro-Viagra wird es geben‹ Ist das nicht der Wahnsinn?«

Verlegen schaut Herr Kurt durchs Café und bemerkt eine gewisse Neugier zu dem gesagten an den anderen Tischen aufkeimen.

»Musst du so laut zitieren?«, zischelt er, »das hört doch jeder im Umkreis von 20 Metern. Die glauben dann vielleicht, dass mich das interessiert!«

Frau Heidi kommt eben mit dem Bier und ein breites Grinsen in Herrn Karls Gesicht lässt Herrn Kurt verzweifelt aufstöhnen.

»Danke, Frau Heidi. Haben Sie gewusst, dass die Firma Pfizer mit ihrer blauen Pille gegen freudlose Nächte in ehelichen Schlafzimmern im vorigen Jahr pro Tag 4,35 Millionen umgesetzt hat? Im Endeffekt waren das 1,59 Milliarden Umsatz. Also die Manager vom Pfizer haben bestimmt keine blauen Tabletten gebraucht bei solchen Umsatzzahlen, die sind wahrscheinlich jeden Tag mit einem Ständer und einem Dauergrinsen im Büro gesessen.«

»Also wirklich, Karl!«, saust Herrn Kurts Hand mahnend auf den runden Tisch. Frau Heidi indes kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, und auch die beiden männlichen Gäste ein paar Tische weiter, haben jetzt ein Schmunzeln auf den Lippen. Das spornt Herrn Karl natürlich an und darum will er noch einen draufsetzen.

»Schon gut, Kurt, ich glaub dir ja, dass du noch kein Viagra brauchst. Aber wir werden ja nicht jünger. Stimmt´s, Frau Heidi, oder hab ich recht?«

Frau Heidi schaut interessiert von einem zum andern, will etwas antworten, da schneidet ihr Herr Kurt aufbrausend das Wort ab.

»Spinnst du jetzt total? Bist du gestern zu lange in der Sonne gesessen? Haben Sie ihm einen Schnaps ins Bier getan, oder träume ich das jetzt bloß.«

Mittlerweile hat sich das Café gut gefüllt. Zahlreiche Gäste sind nun an der Geschichte interessiert, denn Herr Karl ist in Liezen mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund und ein Garant für lustige Episoden, die man dann in den Nachbarorten weiter erzählen kann. Er blickt kurz von seinem iPad hoch, fixiert Frau Heidi und zwinkert ihr zu. Dann sagt er zu seinem Freund: »Was regst dich denn so auf, Kurt. Das war ja keine Anschuldigung, viel mehr eine Feststellung. Stimmt´s, Frau Heidi. Ist ja egal, viel interessanter ist doch, dass es bald eine steirische Version der Viagra gibt. Da steht nämlich weiter zu lesen: ›Die goldenen Zeiten sind für den Hersteller nun vorbei. In Deutschland, Österreich sowie in anderen EU-Staaten ist der Patentschutz am 22. Juni abgelaufen. In Österreich stehen schon mehr als zwei Dutzend billigere Nachahmerpräparate am Start. Darunter auch die Pharmafirma der Familie von Ex-Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, der steirische Medikamentenhersteller Gerot Lannach geht mit einem ›Austro-Viagra‹ in den Markt.‹ Da Herr Ex-Wirtschaftsminister, ich pack es nicht, der könnte damit auch wieder in die Politik einsteigen und zum ›Sex-Hilfe-Minister für einige nicht so standhafte Kollegen werden.«

Die Stimmung im Café ist gespannt. Alle Gäste lauschen interessiert den Ausführungen von Herrn Karl. Auch eine kleine alte Frau, mit straff sitzendem Haarknoten und einem schwarzen Gehstock mit silbernem Löwenknauf. Sie sitzt verdeckt für Herrn Karl hinter einem Paravent. Ihr Mund öffnet und schließt sich wortlos und es hat den Anschein, als würde sich die Warze auf der rechten Kinnseite etwas aufblähen. Mit einem Funkeln in den Augen steht sie plötzlich in Herrn Karls Rücken und klopft energisch mit dem Stock auf Marmorboden. Während Herr Kurt und Frau Heidi sie bereits entdeckt haben, steht Herr Karl nun von seinem Stuhl auf, um seinen Ausführungen zum Thema Viagra mehr Gewicht zu verleihen. Frau Heidi eilt davon, um Bestellungen der neuen Gäste aufzunehmen, Herr Kurt winkt Herrn Karl aufgeregt zu, er möge ruhig sein und sich setzen. Doch der denkt gar nicht daran. Wie ein Redner im Hohen Haus stützt er sich auf die Tischplatte und ruft lauthals: »Ja ist denn das nicht wunderbar? Wir bekommen eine eigene Viagra, eine ›Austro-Viagra‹! Liebe Leute, ich werde bald 60 Jahre alt und meine sexuellen Aktivitäten …, na ja, ich darf jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen, aber wenn ich ehrlich bin, dann wünsche ich mir von unserem Ex-Wirtschaftsminister schon, dass unsere Pille auch einen unsrigen Namen erhält. Wie wäre es denn mit – Styriagra! Dazu würde noch der Slogan passen: ›Hängst du hinter´m Ehe-Soll, pump dich mit Styriagra voll!«

Die anderen Gäste, lachen, klatschen, als wie ein Blitz aus heiterem Himmel der Gehstock von Amalia Hopfenknopf auf Herrn Karls Rücken tanzt. Dabei schreit sie: »Du Saubub, du grauslicher! In aller Öffentlichkeit so zu reden! Dir werde ich auch noch Anstand lehren, du Saubub, du grauslicher! Du wirst mir nicht zu alt, um dir die richtige Sprache und … ein nicht so ordinäres Auftreten in der Öffentlichkeit zu lehren!«

Während Frau Hopfenknopfs Gehstock Herrn Karls Rücken malträtiert, packt der, mit einer Hand die Schläge abwehrend, sein iPad in die Stofftasche und zwängt sich an der wütenden alten Dame vorbei. Im Vorbeilaufen schreit er Frau Heidi noch zu: »Schreiben´s die Zeche an … Ich zahl beim nächsten Mal, Frau Heidi … Pfüat Ihnen, Zeit zum Zug!«