Prolog

 

Die zerkratzte Eingangstüre war nur angelehnt. Seltsam. Nervös blickte Gabriel Simon auf seine Armbanduhr, 19 Uhr 15, dann wieder auf die angelehnte Tür. Eben war er noch müde die drei abgenützten Steinstufen zur Wohnung hochgestiegen, nun war er hellwach. Sein T-Shirt roch nach Schweiß, klebte an seinem schlanken Körper, seine Jeans zierte ein großer Tintenfleck am rechten Hosenbein. Konnte passieren, als Druckerlehrling bei der Falkenpost, aber dass die Tür zur elterlichen Wohnung offen stand, da stimmte etwas nicht. Seine Mutter war penibel, was das Schließen von Türen anbelangte und nicht nur darin. Geräuschlos schlich er sich in den Vorraum und drückte leise die Tür hinter sich ins Schloss. Vorsichtig legte er seinen Rucksack auf der Garderobe ab, schlüpfte aus den Turnschuhen und rief leise: »Mutter …, bist du da?«

Ein Blitz erhellte den Flur und der Donner ließ die Scheiben der Küchenfenster in ihren Rahmen erzittern. Die Natur reinigte sich von einem schwülen Junitag. Langsam schritt Gabriel den schmalen Gang entlang und lugte um den Türrahmen. Die Küche war leer, unaufgeräumt, was seinen Verdacht, dass etwas passiert sein musste, erhärtete. Angespannt spähte er durch den offenen Türschlitz ins angrenzende Wohnzimmer. Drinnen sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Glasscherben bedeckten neben einer zerfetzten Zeitschrift den braunen Teppichboden. Auch einige Erdhaufen zierten den Teppich, und der Gummibaum, den Mutter mit viel Liebe großgezogen hatte, lag gefällt neben dem Tontopf, der Stamm geknickt, die großen, sattgrünen Blätter zerrissen oder zertreten. Mutters rotes T-Shirt, ihre weiße Bluse, ihre graue Lieblingshose, alles lag verstreut über der Sitzgruppe. Ein Bein des Tisches war abgebrochen, das Holz entzwei, er hatte Schräglage wie ein sinkendes Schiff. Als hätte im Wohnzimmer ein Sturm gewütet. Das große Hochzeitsbild im Goldrahmen, das sonst über dem beigen Sofa an der Wand hing, steckte nun auf der Fernsehlampe. Wo zwei sich einst liebende Gesichter die Bildmitte füllten, hatte sich, die Idylle zerfetzend, das Eisen der Glühbirnenhalterung seinen Weg gebohrt.

Wo war Mutter?

Die schweren Polstersessel lagen zur Seite gekippt und blockierten den Ausgang in den kleinen Garten, der durch die Balkontüre über zwei Stufen erreichbar war.

Vorsichtig stieg Gabriel über die Scherben hinweg, bedacht darauf, sich nicht die Socken und Fußsohlen aufzuschneiden.

»Mutter?«, fragte er zaghaft und öffnete ängstlich die Tür ins Schlafzimmer. Ein Blitz erhellte den Raum, der Donner war ohrenbetäubend. Da lag er auf dem zerwühlten Ehebett, der rechte Arm hing seitlich aus dem Bett, die Augen blitzten blutunterlaufen, es roch nach Schnaps, Kotze und Urin. Augenscheinlich war sein Vater wieder total besoffen. Sein rechtes Bein, schimmerndes Metall mit einigen Lederriemen daran, lag achtlos zu Boden geworfen neben dem Bett. An der Prothese hing noch der Turnschuh, zum Teil hatte er sich vom Eisen gelöst. Rainer Simon war wach. Schwer atmend wuchtete er sich hoch, warf seinem Sohn einen abfälligen Blick zu und rieb dabei seinen Beinstumpf. An seiner braunen Trainingshose prangte im Schritt ein dunkler Fleck.

»Sie ist weg«, lallte er und wischte hektisch über seine Stirn, wo eine dunkle Flüssigkeit, vermutlich Blut, eine Spur hinterlassen hatte. Dann brüllte er los: »Diese Schlampe hat mich …« Er hustete und würgte Speichel hoch. »… hat uns alleine gelassen. Sie ist abgehauen, hat mir ins Gesicht gespuckt und mich geschlagen.«

Er röchelte, zog Rotz in seine picklige Nase hoch und spuckte Gabriel einen schleimig-gelben Klumpen vor die Beine. Dieser besoffene Arsch, bestimmt hat er sie wieder geschlagen, dachte Gabriel. Schien aber so, als hätte Mutter diesmal zurückgeschlagen, oder er war gestolpert und irgendwo dagegen geknallt. Aber dass sie einfach verschwunden war, ohne ihm etwas zu sagen, ohne in der Redaktion anzurufen, ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen, das konnte und wollte er nicht glauben. Doch wo war sie? Plötzlich überfiel ihn eine zermürbende Angst und seines Vaters Worte drückten ihm die Kehle zu. Er brauchte nicht mal aufzustehen, um ihn zu verletzen. Seine abfälligen Worte und der Gedanke, dass Mutter ihn wirklich mit diesem Säufer alleine gelassen hatte, brannten wie Säure auf Gabriels Gaumen und ihm wurde schlecht. Wütend knallte er die Tür ins Schloss und lief in die Küche. Dort riss er die Fensterflügel auf und schrie seine Angst in das Gewitter hinaus: »Mutter … Wo bist du? Warum? Warum lässt du mich allein … mit ihm … komm zurück … komm sofort zurück!«

Keine Antworten, und jene, die er kurz zuvor aus dem fuselgetränkten Maul seines Vaters vernommen hatte, wollte der verstörte Junge nicht akzeptieren.

»Sie hat das Ganze hier satt, sie hat uns beide satt, ein für alle Mal, hat sie gesagt. Sollen wir doch sehen, wie wir ohne sie zurechtkommen …, genauso hat sie’s gesagt, ich schwör’s«, hatte sein Vater verächtlich geschnaubt und sich rücklings wieder aufs Bett fallen lassen.

Trotz der feuchten Schwüle, die jetzt durch das offene Fenster hereinströmte, flutete eisige Kälte Gabriels Körper und eine erdrückende Orientierungslosigkeit ließ ihn erschauern. Zitternd heulte er am offenen Fenster wie ein kleiner Junge, der er, aufgrund Mutters ständiger Obhut und Fürsorge, irgendwie ja geblieben war. Solange er sich erinnern konnte, war er ihr kleiner Junge gewesen, den sie abgöttisch geliebt und beschützt hatte. Einen Tag ohne sie verbringen zu müssen, nie hätte Gabriel das für möglich gehalten. Sie war sein Freund, sein Kompass, sein Schutzschild, seine Futterquelle und seine Muse … Gabriel liebte sie über alles. Für einen Moment überkam ihn das Gefühl, dass er loslaufen und sie suchen musste oder dass sterben das Sinnvollste wäre. Da zwängte sich ein anderer Gedanke nach vorne: Seine Mutter hatte ihn aus dem Nest gestoßen und sich wortlos abgewandt. Wie ein flugunfähiger Jungvogel sah er nun rasend schnell den Boden der Realität auf sich zukommen, ein Aufprall war unausweichlich. Nass und tränenüberströmt sank Gabriel vor dem offenen Fenster auf den Küchenboden, umklammerte seine Knie und zitterte, als würde er in Eiswasser baden. Seine Gedanken fuhren Achterbahn, Fragen nach dem Warum dominierten Kurven und steil abfallende Geraden. Und diese Fahrt der Gefühle beschleunigte, als er den zerknitterten Zettel unter dem Küchentisch fand, der eindeutig Mutters Handschrift zierte. Buchstaben, hektisch, krakelig, scheinbar voller Angst auf einen Küchenblock gekritzelt.

»Bleib stark, Gabriel. Du schaffst …«

Mehr nicht. Keine weiteren Erklärungen, keine Adresse oder Telefonnummer, kein Trost, nur ein paar nichtssagende Worte, in denen sie ihm Stärke suggerieren wollte, die er immer nur an ihrer Seite verspürt hatte. Was glaubte sie denn, warum er bei der Zeitung im Keller, in der Druckerei arbeitete und nicht im strahlenden Licht eines Journalistenbüros. Dort unten war er alleine mit den Maschinen, abgeschieden in einer Welt, die ihn sowohl faszinierte als auch ängstigte. Dort unten träumte er jeden Tag, irgendwann in einem der hellen Büros zu sitzen und als erfolgreicher Journalist die Welt mitzugestalten, zu verändern, ja, irgendwann vielleicht sogar den Pulitzer-Preis zu erhalten.

Ohne sie, ohne Mutter, wie sollte er das schaffen? Sie hatte ihn verstoßen. Warum? Was habe ich falsch gemacht, Mutter, dachte er weinerlich und zerknüllte den Zettel, um ihn gleich darauf wieder zu glätten und noch einmal zu lesen. Verheult lag Gabriel in seinem Zimmer auf dem knarrenden Bett, blickte zur Decke hoch, auf die Mutter vor vielen Jahren einen nachtschwarzen Himmel mit gelben Sternen und einen sichelförmigen Mond gemalt hatte. Verloren klammerte er sich an den Gedanken, dass sie diesem Trunkenbold und Schläger nur die Rute ins Fenster stellen wollte und morgen wieder da wäre. So schlief er dann ein, dem Schnarchen seines Vaters lauschend, das selbst durch zwei geschlossene Türen noch zu hören war.

Aber Marianne Simon kam nicht zurück, nicht am nächsten Tag, nicht am Übernächsten, sie schickte auch keine Nachricht. Nach zwei Wochen, die für Gabriel die Hölle auf Erden waren, ohne ein Lebenszeichen von ihr, ohne einen Hinweis, wo sie geblieben war und warum sie das getan hatte, wuchs eine wilde Entschlossenheit in seinem Innersten. Er würde sein Leben eben selbst in die Hand nehmen und etwas Großartiges, etwas Einzigartiges daraus machen. Mitten im Sommer erfror die einst so innige Liebe zu seiner Mutter, und Gabriel breitete ein schwarzes Tuch des Vergessens über alles Erinnernde, das sie bis dahin verband. Und dann entbrannte der Hass gegen seine Mutter, der ihn auf seinem Kreuzzug gegen entzogene Mutterliebe ein Leben lang begleiten und stärken sollte. Zu den Klängen der Rolling Stones, die ihm provozierend eine rote Zunge vom Plattencover entgegenstreckten, schwor er sich in seinem Zimmer auf sein neues Leben ein. Symbolisch verbrannte er im Aschenbecher ein Foto, auf dem er als Kleinkind zwischen seinen Eltern glücklich in das Objektiv lächelte. Beide waren für ihn gestorben. Start me up war der richtige Song, denn er fühlte sich aus seiner lähmenden Starre erwacht, war wie verwandelt und plötzlich erwachsen. An seinem achtzehnten Geburtstag packte er seine Sachen und verschwand aus der elterlichen Wohnung – wie seine Mutter. Die Frage, wie sein Vater, der gesundheitlich vom Alkohol schwer gezeichnet war, allein überleben sollte, tangierte ihn keine Sekunde lang.

In seine große Sporttasche packte er auch seine To-do-Liste, auf der alle Ziele definiert waren, die er im Leben erreichen wollte. Ziemlich weit oben auf dieser Liste stand, dass er ein begnadeter Journalist werden wollte, dann eine tolle Frau heiraten, einen Sohn zeugen, und ganz zuoberst auf der Liste stand in großen Lettern: ICH WILL BÜRGERMEISTER VON LIEZEN WERDEN! ICH WILL DIE ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN UND ÜBER ALLES UND JEDEN IN DER STADT GEBIETEN!

Danach stieg Gabriel die drei Stufen zum Ausgang hinunter. Es war totenstill im Haus und niemand der Parteien, die auch dieses alte Haus in der Rosseggergasse bewohnten, begegneten ihm. Beim Ausgang angekommen, sah er links im Augenwinkel, dass die eierschalenfarbene, von Kratzern und schwarzen Strichen überzogene Türe in den Keller einen Spalt offen stand. Wie oft hatte ihn Vater in diesen nach Moder und Feuchtigkeit stinkenden Keller gejagt, um Kohlen hochzutragen, um Bier oder Schnaps zu holen oder um ihn dort unten einzusperren. Nicht einmal Mutter hatte ihn davor beschützen können. Seine Wut manifestierte sich jetzt gegen diese Tür. Kraftvoll trat er dagegen. Gabriel schnaubte zufrieden und trat hinaus in die Nacht, hinaus in sein neues Leben. Er stahl sich wie ein Dieb durch eine Seitengasse davon – wie ein Dieb, der soeben ein Leben geraubt hatte.

Jahre später sollte ihm auf schmerzhafte Weise bewusst werden: Jeder Mensch hat ein Schicksal und das Schicksal vergisst nie. Schuld und Sühne gelten auch für Gabriel Simon.