Eins!

 

»Verdammt, ich will endlich aufhören zu rauchen«, schnaube ich und fixiere mit zornigem Blick die Zigarette zwischen meinen Fingern. Dann schaue ich auf den dunkelblauen Aschenbecher, der gut mit Kippen gefüllt auf dem weißen Klapptisch steht.

»Na, dann mach´s doch einfach«, sagt meine Frau und zieht an ihrer Zigarette. Wir sitzen auf unserem Balkon und ich grüble, ob das nun der richtige Zeitpunkt ist, meine letzte Zigarette auszudrücken. Es ist ein lauer Novemberabend und es stinkt penetrant nach Jauche. Der erhoffte Regen, damit die Gülle im Boden versickert, ist bislang ausgeblieben. Tiefschwarze Regenwolken hängen seit Stunden drohend am Himmel und tauchen meine Heimatstadt Liezen in rabenschwarze Dunkelheit. Derzeit vermag nicht einmal der Gestank unserer Zigaretten den ›landwirtschaftlichen Bio-Duft‹ zu überlagern.

»Mach´s doch einfach, mach´s doch einfach«, äffe ich Gabi nach und schaue drein wie ein Hund, der bei Regen vor die Tür muss. Im selben Augenblick frage ich mich, ob ich nicht doch noch ein wenig darüber nachdenken sollte, in Zukunft rauchfrei zu leben. Das Bild meines Enkelsohnes schiebt sich vor mein geistiges Auge. Der blonde blauäugige Wirbelwind ist jetzt neun Monate alt, ich werde bald zweiundfünfzig und bin immer noch so wankelmütig. Schämen Sie sich, Herr Stadlmann, nein, Alfred, denke ich, ich duz mich ja, das ist keine Vorbildwirkung, sondern ein Zeichen von Schwäche. Und ich will endlich wieder stark sein und durchziehen, was ich mir vornehme. Heutzutage ist ja nicht mehr der Raucher der Starke, sondern der, der keine Suchmittel braucht, um ein erfülltes Leben zu führen. Der Marlboro-Mann ist längst Vergangenheit.

»Als ob das so einfach wäre«, maule ich zu Gabi über den Tisch und starre auf die Glut meiner Zigarette. Sie leuchtet wie eine Grabkerze. Die Besuche am Friedhof, die ich an Allerheiligen seit Jahren tunlichst vermeide, sollten einem Raucher zu denken geben. Plötzlich fällt der Zweifel über mich her wie Vampire über Frauenhälse. Wie soll ich diesen Kampf gewinnen, wo Gabi doch jeden Tag mit ihren Zigaretten an mir vorbei auf den Balkon gehen wird. Außerdem schrieb der berühmte Allan Carr in seinem Nichtraucherbuch, dass die Methode Willenskraft nicht funktionieren kann. Zu stark sei die Macht der Droge und ihrer suggestiv einschmeichelnden Zuwendungen, die sie für das Gehirn eines Exrauchers ständig bereithält. Den Gedanken, diese nichtsnutzige, stinkende, geldverbrennende und die Gesundheit schädigende Raucherei aufzugeben, hatte ich ja schon mehrmals; gewonnen hat immer die kleine Bestie, wie der selige Herr Carr sie in seinem Buch – Endlich Nichtraucher – so putzig genannt hat.

 

Zwei!

 

The Day After – der Tag danach. Es ist 17.11 Uhr, Gabi sitzt auf dem Balkon und raucht. Der erhoffte Regen kam im Morgengrauen und der Jauchegestank hat sich verflüchtigt. Ich habe noch immer kein Verlangen nach einer Zigarette und muss sagen, Nikotini war den Tag über sehr kulant. (Ich will die Droge nicht kleine Bestie nennen, denn erstens wäre das ein Plagiat und zweitens kann Nikotin auch eine große Bestie sein.) Jedenfalls hat Nikotini sich bis jetzt dezent im Hintergrund gehalten. Man könnte meinen, er hat mitgelesen, was ich gestern über ihn geschrieben habe, den Ernst der Lage erkannt und ist sofort aus mir ausgezogen. Für mich wird sich jetzt vieles zum Positiven ändern: Meine Zungenspitze wird aufhören zu brennen, das Atmen wird mir bald wieder leichter fallen, das Geld wird mir zwar nicht bleiben, doch kann ich es für nützlichere Dinge ausgeben; zum Beispiel für einen Urlaub sparen oder für ein Lektorat verwenden. Bin schon gespannt, ob auch der unangenehm ziehende Schmerz in den Waden besser wird, wenn ich nicht mehr rauche.

 

Drei!

 

Nikotini startet seinen ersten zaghaften Versuch, mich davon zu überzeugen, dass Rauchen doch keine so schlechte Sache ist. Ich sitze in meinem Wagen und bin unterwegs nach Donnersbach. Einem kleinen beschaulichen Ort im Ennstal, ein Geheimtipp für Wanderfreudige und Skifans. Wie eine schwangere Frau, die überall Schwangere sieht, sehe ich plötzlich überall Raucher. Ich fahre durch Irdning und sehe zwei rauchende Mädchen vor der Kirche, einen rauchenden alten Mann vor einer Konditorei, Kippen liegen am Straßenrand, eine Frau steht am Gehweg, telefoniert und raucht. Ich kann nicht schneller fahren, muss die Geschwindigkeitsbegrenzung im Ortsgebiet einhalten. Zudem kommt mir vor, als ob jemand an meinen Haaren zieht – an der Kopfinnenseite. Blödsinn, alles nur Einbildung, ist womöglich der Hunger, es ist kurz nach Mittag und ich habe noch nichts gegessen. Ich muss mich ablenken und an etwas anderes denken. Da, schon wieder ein Raucher, er steht vor einem Lebensmittelladen und pafft. Sein Zeige- und Mittelfinger stinken bestimmt bestialisch nach Nikotin. Was kostet noch mal eine Packung Zigaretten? Ich werde ruhiger. Angriff abgewehrt.


Ich muss gestehen, dass ich begleitend wieder mal das Buch ›Endlich Nichtraucher‹ von Allen Carr lese. Jetzt, wo ich darüber nachdenke: Es ist mein meistgelesenes Buch. Ich lese es zum dritten Mal.

»Hallo? Geht´s noch?«

Puh, konnte gerade noch ausweichen. So eine telefonierende Mercedesbraut versuchte in einer Kurve das Linksfahren, vielleicht macht sie ja demnächst einen Englandurlaub.

»Blöde Gurke.«

Witzigerweise ist mein erster Gedanke: »Da hörst du zu rauchen auf und stirbst bei einem Verkehrsunfall.«

 

Nein, so schnell stirbt sich´s nicht, Herr Stadlmann. Es bekommt ja auch nicht jeder Raucher einen Herzinfarkt oder Lungenkrebs. Auch das Raucherbein ist statistisch gesehen eine Randerscheinung bei Rauchererkrankungen. Wie viele Raucher mit dem Rauchen wohl aufgehört hätten, wenn sie gewusst hätten, dass es ausgerechnet sie trifft … hm. Schon lässt das Haarwurzelziehen ein wenig nach.