Absolution – Dein Wort ist die Wahrheit

 

Franz Gmeiner kam sich trotz seiner 1,85 Meter so gering vor wie eine Ameise, als er jetzt bedächtig seinen Kopf in den Nacken legte und zur Kirchturmspitze aufschaute. Eine pechschwarze Gewitterwolke hing über der riesigen kupferfarbenen Kuppel der Kirche von Seidenbach. Sie war zu klein, zu allein und konnte daher die Sonne noch nicht verdecken. Auch Gmeiner war allein. Allein mit seiner Absicht sich Absolution für etwas zu holen, das eigentlich keiner bedurfte, wie er jetzt fand. Unschlüssig stieg er von einem Bein auf das andere. Warum war er dann hier? Langsam senkte er seinen Blick und schaute nachdenklich, ja fast ängstlich, auf das Holztor vor dem er nun stand und hoffte, dass die Kirche leer war. Wie viele Sünder waren vor ihm schon durch dieses Tor gegangen, und wie vielen von ihnen war nach der Beichte die Absolution erteilt worden. War in seinem Fall Absolution überhaupt möglich? In seinem breiten Rücken, am Kirchplatz, war helles Kinderlachen zu hören. Gmeiner drehte sich um und sah eine hübsche Frau, mit langen blonden Haaren. Sie war mittelgroß, schlank und trug ein luftig gelbes Sommerkleid mit Spagettiträgern. Mit einer Hand schob sie einen Kinderwagen, indem eine prall gefüllte Einkaufstüte lag und hopste vor einem Kleinkind hin und her, das eben erst laufen lernte und ihr unsicher über das Backsteinpflaster folgte. Lachend rief sie dem fröhlich quietschenden Kind zu: »Du erwischt mich nicht! Du erwischt mich nicht!«

 

»Mich haben sie auch nie erwischt«, seufzte Gmeiner, dann zog er die gelb-rote Baseballkappe vom Kopf, strich seinen widerspenstigen blonden Haarschopf glatt, drückte den Türgriff nach unten und zog die schwere Eichentür auf. Eisige Kälte schlug ihm aus dem Kircheninneren entgegen.

 



Schaffnerlos

 

Hubert Krimmler war ein gebieterischer, aber keinesfalls ungerechter Vater. Er wollte seine drei Söhne mit autoritärer Hand erziehen, in dem Glauben, ihnen so das Beste mit auf ihren Lebensweg zu geben. Sie sollten in der rauen Wirklichkeit des Alltags bestehen, die immer dann über Kinder hereinbricht, wenn man sie ihrer Illusionen beraubt, die in Träumen die schillerndsten Farben annehmen. Krimmler hatte schon so viele verweichlichte, weinerliche Kinder erlebt, mindestens genauso viele waren aber auch aufsässig und unfreundlich gewesen. Und manche hatten ihn nur ausdruckslos angesehen, so als wäre er Luft, eine minderwertige Kreatur, die nichts anderes in ihrem Leben zu tun vermochte, als sie um ihre Fahrscheine anzubetteln.

 

Viele stellten sich den Job als Schaffner bei den Bundesbahnen ja so einfach vor. Es schien auch so, denn was sollte schon dabei sein, wenn man jeden Tag nur einen Satz hervorbringen musste: »Ihren Fahrschein bitte« oder »Fahrscheinkontrolle, Ihre Fahrscheine bitte.«

Ach ja, und lächeln. Als Schaffner galt es, freundlich zu lächeln, und wer dieser Tage mehrsprachig war, hatte gewisse Vorteile. Vor allem dann, wenn ein Fahrgast schwarz wie die Nacht und stumm wie ein Fisch war. Hubert Krimmler war 44 Jahre, groß und sein dunkelbraunes Haar trug er kurz geschnitten. Über einer römischen Nase blickten in letzter Zeit zwei freudlos graue Augen in die Abteile der Zuggarnituren, darunter stand meist ein aufgesetzt freundliches Lächeln. Seit seinem Motorradunfall hinkte er am rechten Bein und Krimmler war nicht mehrsprachig, sondern in letzter Zeit eher einsilbig. Die meisten Kollegen wussten aber um seine schwierige private Situation, und begegneten ihm mit Respekt. Er war alleinerziehender Vater von drei halbwüchsigen Söhnen mit einem halbfertigen Haus.

 

»Es ist nur mehr eine Frage der Zeit«, sagte Karl Eichberger, schüttelte Bahnhofsvorstand Horst Freitag die Hand und schürzte seine Lippen. Viele Jahre lang betreute der ›Doktor‹, wie sie ihn scherzhaft nannten, den ehemals wichtigen Bahnknotenpunkt Selzthal. Eichberger half schon in seiner aktiven Zeit zumeist Lokführern, denen ein verzweifelter Mensch vor den Zug gesprungen war. Nicht immer schaffte er es, dass sie wieder durchschlafen und ihren Job weiter ausüben konnten. Der 73-jährige, großgewachsene Psychologe war längst in Rente, hatte ein Haus in Selzthal unweit des Bahnhofes und stand jetzt abwesend neben Horst Freitag in dessen schmucklosem Büro. Er starrte aus dem Fenster. Der vierstöckige Plattenbau am Rande des riesigen Bahnhofsareals erbebte gerade unter dem Gewicht eines endlos scheinenden Lastenzuges, der auf Gleis 2b Richtung Leoben aus dem Bahnhof rollte. Eichbergers Blick war jetzt der eines kleinen Buben, er fand Züge seit jeher faszinierend. Freitag saß abwartend in seinem Bürosessel, zwei tiefblaue Augen funkelten über den Monitor fragend zum ›Doktor‹ hoch. Der Psychologe schien den Blick in seinem Nacken zu spüren. Er wandte sich dem dunkelhaarigen Bahnhofsvorstand zu, der mit einem Kugelschreiber auf die Schreibtischplatte trommelte. Eichberger räusperte sich und begann von neuem.

 

»Bis Krimmler die Nerven völlig wegschmeißt, ist es nur mehr eine Frage der Zeit, wollte ich zuvor sagen. Ich rate dringend, ihn vorübergehend aus dem aktiven Dienst zu nehmen.«

Freitag holte tief Luft, er kannte die ganze Geschichte um Krimmler und er wusste, dass sein Freund auf den Job angewiesen war, damit er sich und seine Söhne über die Runden bringt. Das halbfertige Haus, der Verlust seiner Frau, der Mutter seiner Söhne, Hubert war verzweifelt und dann auch noch die Szene am Bahnsteig in Stainach. Gut, er hatte überreagiert, doch wenn sich ein Fahrgast querlegt und glaubt, ihn provozieren zu müssen, dann war es sein Recht, dass er sich zur Wehr setzte, er machte ja seinen Job. Und diese militanten Kids in ihren schwarzen Kutten bildeten sich eben ein, sie könnten über einen Uniformträger der Bundesbahnen herziehen in dem Glauben, er könne ihnen ja eh nichts anhaben. Krimmler hatte wie seine Kollegen des Öfteren mit rabiaten Jugendlichen zu tun und schon manchen von ihnen ordentlich die Leviten gelesen. Aber auch wenn in den letzten Jahren bei Halbwüchsigen unter Alkoholleinfluss die Hemmschwelle zur Gewalt im Sinken begriffen war, so war es dabei doch nie zu Handgreiflichkeiten gekommen.

 

»Vielleicht haben Sie ja recht, vielleicht sollten wir Herrn Krimmler eine Auszeit gönnen. Er hatte es nicht leicht in den letzten Monaten. Irgendwann erreicht wohl jeder den Punkt, wo sein Wille zur Toleranz endet und jede Vernunft versagt. Vielleicht hat Krimmler diesen Punkt in Stainach erreicht«, murmelte Freitag, schüttelte dem ›Doktor‹ die Hand, dankte ihm für seine Expertise und begleitete ihn aus dem Büro. Anschließend beorderte er Krimmler für einen Aussprache zu sich.