Kapitel I

Er hatte ihrem Vortrag jetzt lange genug gelauscht. Es war an der Zeit, ihren Vorschlag anzunehmen, bevor sie es sich noch anders überlegte.

»Ich mach’s! Ich mach das«, sagte der ältere Mann in der zerrissenen Jeans und dem löchrigen grünen Parka und hob dabei beschwichtigend seine Arme. Die schwarze Haube drehte er zwischen den Fingern, als wollte er sie erwürgen. Die junge Frau hinter dem Bildschirm lächelte und sagte gönnerhaft: »Na gut, ich nehme Sie. Sie haben den Job!«

Am liebsten hätte Krawutke gejubelt, doch er durfte jetzt keine Emotionen zeigen. Also senkte er seinen Kopf und murmelte nur: »Danke schön.«

Die Arbeitsvermittlerin Angelika Semper schaukelte in ihrem Drehstuhl und blickte zufrieden auf die vorbeifahrenden Autos. Es war eiskalt draußen, Ende November, und der Morgenfrost zeigte sich in bizarren Mustern am Fenster. Diesmal hatte sie den Taugenichts dazu bewegt, eine Arbeit anzunehmen. Schon im Vorfeld hatte sie ihm erläutert, dass dies seine letzte Chance sei, dass sie ihm noch eine letzte Chance geben wollte, immerhin war ja bald Weihnachten. Rainer Krawutke sollte an vier Samstagen als Weihnachtsmann verkleidet in der Arkade, einem Einkaufszentrum in Liezen, sitzen und Kindern beim Wünschen zuhören. Ein leichter Job, wie sie fand. Vielleicht war ihr diesmal der Durchbruch bei dem mürrischen alten Zausel gelungen und vielleicht war es sein erster Schritt zurück in die Arbeitswelt. Dumm war Krawutke ja nicht, aber schlampig, was sein Äußeres betraf, faul, wenn es ums Aufstehen ging und wie sie bemerkt hatte destruktiv gegenüber Vorgesetzten. Er wirkte in letzter Zeit ein wenig depressiv, aber wer war das heutzutage nicht?

»Und immer dran denken, Krawutke ..., lächeln, immer schön lächeln, die Kinder wünschen sich einen fröhlichen Weihnachtsmann, verstanden? Und keinen Alkohol im Dienst! Ist das klar?«

Am liebsten hätte er diese blonde Schnepfe mit dem fetten Hintern vom Sessel geschubst oder sie samt ihrem Sessel durch das große Panoramafenster der Arbeitsvermittlung gerollt, stattdessen bleckte er seine Zähne und nuschelte: »Ja, Frau Semper! Alles klar. Nichts trinken und lächeln, immer lächeln.«

Rauchgelbe Zähne blitzten aus einem rundlichen Gesicht mit roter Knollennase, und zusammen mit seinen grauen Haaren, die er schulterlang trug, hätte er auch Petrus spielen können, was Rainer aber nicht wollte. Aber was ihn eigentlich für den Job als Weihnachtsmann prädestinierte, waren seine von feinen roten Adern durchzogenen Pustebacken und sein weißer Rauschebart, der jetzt aufgefächert einen dicken Hals verdeckte.

»Und was den Bart angeht, den säubern sie noch ordentlich. Gehen Sie zum Friseur, er soll den Bart weiß färben. Das Nikotingelb um den Mund muss verschwinden.«

Schon wieder so ein MUSS! Rainer brannte innerlich, er hatte in seinen 48 Jahren schon so vieles gemusst, dass er kein MUSS mehr hören konnte. Doch er musste jetzt wohl oder übel die Klappe halten, also nagte er an seiner Unterlippe und fragte: »Und wo bekomme ich nun mein Weihnachtsmannkostüm?«

Cornelia Semper hatte sich schon wieder in ihr Terminal vertieft, um sich mit dem nächsten ›arbeitswilligen Schäfchen‹ zu befassen. Sie blickte vom Bildschirm hoch, wedelte mit der rechten Hand, als wollte sie eine Fliege verscheuchen und sagte unwirsch: »Unten, melden Sie sich unten im Lager, und jetzt ab mit Ihnen und machen Sie einen ordentlichen Job! Sie wissen ja: Jeder ist ersetzbar.«

Sie sah ihn dabei nicht einmal an, doch Rainer wusste, sie meinte es verdammt ernst.

»Ja, Frau Semper, Ihnen auch frohe Weihnachten«, würgte er noch hoch, dann schloss er die Türe hinter sich. Kurz überlegte er, ob er einen Molotowcocktail besorgen und dieses fette Huhn ausräuchern sollte. Er ließ den explosiven Gedanken jedoch rasch wieder erlöschen, er hatte eine Mission zu erfüllen und dafür galt es, nicht aufzufallen und noch einiges vorzubereiten.

»Der Weihnachtsmann wird euch bald auf den Schoss nehmen, liebe Kinder. Und ihr werdet eine Show erleben, von der ihr vielleicht ein Leben lang träumen werdet. Ho-Ho-Ho!«

 

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