Der Tag an dem das Licht ausging

Ich lebe noch, warum?


 

Übung 3.1/3.2/3.3

 

 

Mussten diese Männer sterben, weil alle Schutzengel dieser Welt sich in jenen Tagen um mich bemühten?  Der Polterabend eines Freundes ging mir nicht aus dem Kopf. Gabi, meine Frau, war nicht zuhause. Sie hatte mich den ganzen Tag tapfer ertragen und saß nun mit ein paar Freundinnen in einem Lokal zusammen. Meine Töchter gerademal acht und zwölf Jahre alt, hockten im Wohnzimmer vor dem Fernseher.


„Diese Kopfschmerzen“, jammerte ich „und jetzt muss ich auch noch auf die Toilette.“ Ganz langsam hob ich meinen bleischweren Kopf und rollte mich aus dem Bett. An nichts Böses denkend stand ich vor dem Lokus und zielte, um mir eine Predigt meiner Liebsten zu ersparen. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich jegliche Orientierung verloren. Ich lag zusammengekauert, wie ein Kater am Kachelofen, auf dem kalten Fliesenboden und irgendwas stochert mit einem glühenden Schürhaken in meinem Gehirn herum. Nach einigen Versuchen gelang es mir schließlich, die Tür zu öffnen. Brüllend vor Schmerz schleppte ich mich ins Schlafzimmer. Dort angelangt starrte ich abwesend in vier verängstige Kinderaugen.


Hilfe ..., ruft ... Mama oder ... ah.“


Tanja eilte zum Telefon ins Vorzimmer, Kerstin unsere Jüngere, folgte ihr auf dem Fuß. Sie wollte nicht allein mit mir im Zimmer bleiben, mit einem Menschen, der so fremdartig erschien. Gabi und meine Schwester waren schockiert, als sie mich sahen. Ich schrie, kotzte und weinte, dann war ich plötzlich ruhig und klar und wusste nicht, was los ist. Nach dreimaligem Absetzen des Notrufs füllte sich unser Schlafzimmer mit Arzt und Helfern und in ihren Augen stand: Der hat den Teufel im Leib

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„Bitte nimm mir die Schmerzen“, flehte ich wimmernd meinen Hausarzt an, „ganz egal wie, ich halte es nicht mehr aus.“ Er setzte mir eine Injektion und überwies mich ins nahegelegene Landeskrankenhaus Rottenmann. Bis der Rettungswagen dort mit mir eintraf, war es ein ruhiger Samstagabend, für das Personal.


„Was fehlt Ihnen“ fragte ein interessiert dreinblickender Weißkittel. Mit schmerzverzerrtem Gesicht saß ich auf einem Untersuchungstisch und hielt meine Hände über den Kopf gefaltet. „Schmerzen ... im ... ah “, dann kotzte ich dem Pfleger vor die Beine. Eine herbeigerufene Schwester musste die Sauerei wegwischen. „Verdammt, Ihnen sag ich gar nichts mehr. Ich will einen Arzt und ... ah ... bringt mir einen Kübel“, schrie ich gepeinigt. Ein zufälliger vorbeikommender Turnusarzt stellte trotz seiner Jugend die richtige Diagnose: „Gehirnblutung, der Mann muss sofort nach Graz auf die Neurologie.“ Er linderte mit einer weiteren Injektion meinen Schmerz und rief auf meinen Wunsch hin Gabi an.


„Ja, es besteht durchaus Lebensgefahr“, hallte es wie ein Donnerschlag durch den Raum.  Angst und Sorge badeten  zuhause in einem Meer von Tränen. Ratlosigkeit ob die Frau ihren 37-jährigen Mann, die Kinder ihren Vater wiedersehen würden, füllte die Herzen meiner Liebsten. „Nimm nicht alles Ernst was die Ärzte so sagen“, waren die letzten Worte die ich abschließend in den Hörer flüsterte.

 

Die einhundert Kilometer nach Graz verbrachte ich im Halbschlaf. Mein Lebensretter saß nachdenklich neben mir und versuchte mich wach zu halten. Jegliche Erinnerung ob und was wir während der Fahrt gesprochen haben, sind aus meinem Gedächtnis getilgt. An was ich mich aber noch genau erinnere, war die erste Frage des Oberarztes im LKH Graz, der mich am nächsten Tag in Augenschein nahm. Er hielt dabei ein Röntgenbild meines Schädels hoch. „Machen wir es durch den Kopf oder über das Bein?“ „Wie bitte?“, stammelte ich verdattert. Er erläuterte mir die beiden Operationsmethoden und ich entschied mich für die „fade Methode“, bei der eine Sonde über die Oberschenkelarterie bis ins Gehirn vorgeschoben würde. Das Aneurysma wurde vor Ort embolisiert, also die geplatzte Hirnaterie zugeschweißt. Mein zweiter Geburtstag hat sich unauslöschlich auf diesem Flecken eingebrannt. Nach fünf Tagen hatte sich mein Zustand so weit gebessert, dass ich nach Hause durfte.

 

Ich danke Gott für dieses Wunder, dass er mir und einem Bergmann aus Lassing im Juli 1998 das Leben ein zweites Mal geschenkt hat. Und doch frage ich mich seither: warum mussten seine zehn Kameraden im Bergwerk ihr Leben lassen.


Das Wunder von Lassing gilt für einen Bergmann ... und für mich.