Die Übungsaufgabe 4.3 lautete: Schreiben Sie über ein Ereignis. Eine Sendung aus dem Fernsehen oder dem Radio – ein Zeitungsartikel – ein Bildbericht – eine Begebenheit, die man Ihnen erzählt hat. Das Wesentliche ist, dass ich nicht von einer persönlichen Erfahrung berichten durfte, sondern von einem Geschehen, bei dem ein Hilfsmittel wie Bild oder Bericht meine Vorstellungkraft ankurbeln sollte.

 

Ich habe mich für den Trainingssturz von Hans Grugger auf der Streif entschieden, der letztendlich doch gut ausgegangen ist. Meine Schilderungen sollten so lebendig und farbig sein, dass der Leser das Gefühl hat, selbst dabei gewesen zu sein. Erschwerend kam allerdings hinzu, dass die Geschichte mit 50 bis 60 Normseitenzeilen zu je 60 Zeichen pro Zeile limitiert war.


Der Tod fährt mit.

 

Das Starthaus der Streif, der Blick hinunter, in die Kompression der Mausefalle treibt jedem Normalschifahrer den Schweiß unter den Helm. Mit Startnummer 29 steckt Hans Grugger energisch die Stöcke links und rechts der Zeitnehmungspfosten in den Schnee. Der Startrichter zählt monoton die Sekunden bis zum Start seines Trainingslaufs herunter. Der sympathische Hofgasteiner Bartträger stößt sich bei „eins“ kraftvoll aus dem Starthaus. 3.312m Streckenlänge, 860 Höhenmeter und latente Gefahr trennen ihn vom Ziel in Kitzbühel. Ein, zwei, drei Schlittschuhschritte und mit atemberaubender Geschwindigkeit jagen seine Skier in die erste Rechtskurve. Sein Körper, samt blau blitzendem Helm, wird von den vorherrschenden Fliehkräften Richtung Tal gezogen. Nach 6,5 Sekunden erreicht er den Linksschwung, stemmt seinen athletischen Körper und die Kanten seiner Skier den Gesetzen der Physik entgegen und bereitet sich auf den Sprung ins „Nichts“ vor - über die Mausefalle. Irgendwie eine Namensverniedlichung, doch jedem Rennläufer ist bewusst, dass eine Berührung der Maus mit der Falle tödlich enden kann.


Die Kante rast auf Grugger zu. Jetzt drücken, denkt er. Doch was ist das ..., oh mein Gott ..., der Außenski ..., er verkanntet. Grugger hört nicht den Aufschrei der Millionen Fernsehzuseher, auch nicht das erschrockene Gestammel der beiden Kommentatoren, die in der Kabine verzweifelt versuchen, ihm verbal die Richtung zu weisen. Als er nach 8 Sekunden wie ein Geschoß über die Kante der Mausefalle fliegt, ist er nur mehr Passagier. Einer der alles Menschenmögliche versucht, seinen verdrehten Körper wieder in die richtige Position zu bringen. Achtzig Prozent Gefälle, blankes Eis, liegen tief unter seinem Rücken. Grugger weiß, wie die Kommentatoren und Zuseher, dass ein Aufprall aus dieser Höhe fatale Folgen haben wird. Er rudert wild mit den Armen, versucht, die verdrehten Arbeitsgeräte an seinen muskulösen Beinen in Fahrtrichtung zu zwingen, während die pickelharte Piste unbarmherzig auf ihn zurast. Nach 10,2 Sekunden und einem 40 Meter Flug, schlägt Hans Grugger auf. Wie eine Puppe wird er von den Mächten der Physik mit brutaler Gewalt aufs Eis geschlagen. Stöcke, Brille, abgebrochene Ski Teile fliegen durch eine dünne Staubwolke aus Eiskristallen, wo ein Sohn, Freund und Sport-Kollege, jetzt besinnungslos vom heftigen Aufprall, wie ein Gummimensch die letzten Meter in die Kompression der Mausefalle hinunterrutscht.


Jenes „Alles Gute Hans“, das Armin Assinger ihm nach 5,7 Sekunden Fahrzeit aus der Kabine des ORF Studios im Zielraum schickte, wird Grugger jetzt benötigen. Hektisch laufen Helfer zu dem regungslos verdreht daliegenden Sportler, während in bedrückender Stille die Sportwelt den Atem anhält. Unbeschreiblich, welche Gefühle in jenen Momenten seine Familie, seine Freundin, seine Kollegen heimsuchen.


In jenen 10,2 Sekunden Fahrzeit, die Hans Grugger vom Start bis zum Aufprall zurücklegte, wurde wieder einmal allen vor Augen geführt, wie gefährlich der Abfahrtssport ist, wie gefährlich die Streif ist. Hans Grugger hatte Glück im Unglück. Trotz schwerem Schädel – Hirn Traumas und multipler Verletzungen durfte er sein Leben behalten. Mit Hilfe seines Schutzengels, dank seines austrainierten Körpers und viel ärztlichem Können am Innsbrucker Klinikum, befand er sich bald nach dem Sturz auf dem Weg der Besserung. Seine aktive Karriere als Rennläufer des ÖSV musste er allerdings beenden.

 

„Alles Gute – Hans!“