Schlagzeile aus einem Zeitungsbericht vom 07. März 2011

Ein 83-Jähriger war plötzlich aus einem Seniorenheim in Gröbming verschwunden. Montag früh konnte der Pensionist von seinem Sohn 20 Kilometer von Heim entfernt aufgefunden werden.

 

Übung 8.1: Der verschwundene Pensionist

 

Monoton tickt die große Uhr am Ende des halbdunklen Gangs und zeigt 1 Uhr morgens. Rosenmontag in Gröbming. Der Pfleger gähnt und schreitet bedächtig den kalten Fliesenboden entlang. In das Ticken der Uhr mischt sich das rasseln seines Schlüsselbundes. Gelangweilt jedoch leise öffnet der weiß bekleidete Mann die Tür zum Zimmer eines Bewohners. Der Strahl seiner Taschenlampe erfasst ein leeres zerwühltes Bett. Die Nasszelle ist unbeleuchtet und ebenfalls leer. Die Tür des Zimmers bleibt offen und die hektisch gewordenen Schritte des Pflegers hallen durch den Flur.


Nach einer halben Stunde intensiver Suche ist es amtlich: Der Bewohner ist verschwunden. Ein 83-Jähriger geistig verwirrter Pensionist hat das Seniorenheim verlassen. Die Polizei wird informiert und es beginnt eine intensive Suchaktion. Das Thermometer zeigt – 2° und die Hektik und Sorge wachsen. Nach einigen Stunden wird die Suche ergebnislos abgebrochen. Um 8 Uhr wird der Sohn des Bewohners im 25 Kilometer entfernten Altirdning informiert. Fragen und Ratlosigkeit treffen sich zu einem zermürbenden Dialog. Der Sohn, mit den Nerven am Ende, verlässt das elterliche Haus, um nach seinem Vater zu suchen. Zitternd sitzt der Pensionist auf einer Bank vor seinem ehemaligen Haus in Altirdning, das inzwischen leersteht. Das Notarztteam des Roten Kreuzes wird gerufen und versorgt den stark unterkühlten alten Mann. Nach der Erstversorgung wird er ihn ins Krankenhaus gebracht. Vielleicht kann er dort die Fragen beantworten, die ihm sicherlich gestellt werden: warum sind sie gegangen? wie sind sie nach Altirdning gekommen? - vielleicht aber auch nicht. Seine psychische Seite wird darüber entscheiden, welche Bilder sie ihm in den Kopf legt. Seine physische Seite, eine bitterkalte Nacht im Freien zu verbringen und zu überleben, zeichnet jedoch das Bild eines ehemals starken Mannes.