Holen Sie Luft, gehen Sie nach draußen

Überwinden Sie sich einfach


 

Übung 1.2

 

 

Der Weg ist schmal und eisig, heftiges Schneetreiben schränkt meine Sicht ein. Rechts unser Bächlein, das dumpf murmelnd dahinfliest und links der Holzzaun des Alpenbades Liezen, der vermutlich Spanner davon abhalten soll ihren abartigen Fantasien Nahrung zu verschaffen. Es riecht nach Urin. Ein dampfender hellgelber Fleck zeichnet sich am Wegesrand im Schnee ab. Mein Blick ist auf diesem Weg immer zu Boden gerichtet. Hundekacke am Schuh ist ein großes Übel. Ein kalter Lufthauch vertreibt den üblen Geruch. Das kleine Häuschen, das nun vor mir auftaucht, erinnert mich an Hänsel und Gretel. Nein, es ist nicht mit Lebkuchen bedeckt, es ist nur so klein und sauber. Seine rosafarbene Fassade ist ohne den geringsten Makel, die kleinen Fenster mit weißen Storen behängt, für Blicke undurchdringlich. Auch am Fenster der dunklen Eingangstür ist ein zarter weißer Vorhang angebracht. Die Rasenfläche, in diesen Tagen Schneefläche, ist immer sehr gepflegt und mit viel Liebe auf dieselbe Höhe getrimmt. Linker Hand blicke ich auf das Beachvolleyballfeld des öffentlichen Schwimmbads. Kalt und leer, der Sand abgedeckt unter eine Plane und einer Schneedecke. Entferntes Hundegebell erregt meine Aufmerksamkeit und ich gehe langsam weiter. Gut eingepackt wandere ich über eine verschneite Wiese zur Höhenstraße. Dutzende Reste von Feuerwerkskörpern stecken zerfetzt in kaltem Weiß und haben ihren feurigen Glanz verloren. Müll ist alles, was von Ahh ... und Ohh ... und schau mal, die war wunderschön ... übrigbleibt. Schon geht es mir besser. In mir ist doch noch Feuer, denke ich, ich bin kein Rohrkrepierer, der seine Leser nur für einige Sekunden unterhält. Die feinen Schneeflocken kitzeln mein Gesicht und mein Schritt wird fester und sicherer. Ich steige bergan, den Röthweg hinauf bis zur Eisbahn, und meine Lungen, seit drei Tagen von Zigarettenqualm befreit, danken mir für die frische Luft. Begierig füllen sie sich und mein Energielevel beginnt zu steigen, ich spüre es förmlich. Auch der Berner-Sennenhund scheint etwas zu spüren, als ich ihm und seinem Frauchen auf einem schmalen Weg begegne. Während Frauchen grußlos an mir vorübergeht, sieht der Hund in mir wohl Batman oder Superman. Er fürchtet sich. Geduckt weicht er vor mir zurück. Das ist ja ein Ding. Ein großer braun-weißer Zottelhund, der sich vor mir fürchtet.

 

„Hat er Angst?“, frage ich Frauchen interessiert hinterher.

„Manchmal ist er ein wenig schüchtern“, antwortet sie schulterzuckend. Kenne ich, sage ich leise und steige ein paar Schritte vom ausgetretenen Weg in den tiefen Schnee. Der Hund schleicht geduckt näher, und als er auf gleicher Höhe ist, sprintet er los, Frauchen hinterher. Die frische Luft tut gut und ich komme sogar ins Schwitzen beim Gehen. Herrlich, wieder eins zu sein mit der Natur, mit dem Leben. Die Weihnachtsfeiertage waren doch etwas anstrengend.



Überraschungen warten überall.

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