Übung 4.2

 

Personen mit Leben ausstatten.

 

Patrizia von Alvensleben (42)

 

Patrizia von Alvensleben war nicht das, was man sich unter einer Adeligen vorstellt. Aufgewachsen auf Schloss Greitberg, bei Kitzbühel in Tirol, ließ sie schon in jungen Jahren erkennen, dass Etikette und Glamour ihr zuwider waren. Im Alter von 42 Jahren hatte sich nichts daran geändert. Sie aß gern und viel. Ihre tonnenförmige Figur und ihr Pfannkuchengesicht belegten dies sehr eindrucksvoll. Sie wollte nie ein Prinzesschen sein auch wenn sich Vater Jakob sehr darum bemühte. Der erste Weg am Morgen war der in die Küche. In zeitlosem Schlabberlook saß sie dann am großen Eichentisch und futterte Kuchen und Torten. Ihre dunklen Knopfaugen blickten dabei begierig von einem Teller zum Nächsten. Sie nahm sich bei ihren morgendlichen Fressereien nicht einmal die Zeit, sich die Nase zu putzen. Wenn sie lief, dann lief sie eben. Das Personal wagte es nicht, sie darauf anzusprechen. Ihre kreischende Stimme, wenn sie wütend wurde, konnte Glas bersten lassen. Man munkelte im Schloss, das der frühe Tod von Mutter Mathilde, Patrizia völlig aus der Bahn geworfen hat und sie seitdem die Kalorien als ihre einzigen Freunde sah. Es waren auch die Einzigen. Die mäkelten wenigstens nicht herum, wenn sie bei jedem dritten Wort zu stottern begann. Manchmal saß sie jedoch in ihren Morgenmantel gehüllt, mit feuchten Augen in der Bibliothek und betrachtete die Bilder ihrer Mutter. Dabei rollte sie mit ihren kurzen fettigen Fingern ihr schwarzes schulterlanges Haar und träumte vermutlich davon, eine Prinzessin zu sein.

 

Harry Warrelmann (20)

 

Harry Warrelmann hatte es mit seinen 20 Jahren geschafft. Vom Volontär zum fix angestellten Jung-Journalisten bei der New York Times und das nach nur einem Jahr. Das Engagement und die Zielstrebigkeit, die er in diesem Probejahr gezeigt hatte, waren in der Chefetage nicht übersehen worden. Sein rostroter Bürstenhaarschnitt der über seinem kantigen Gesicht thronte, war beliebt in der Redaktion. Wache braune Augen, die den Blick für Details hatten, blickten nun zu Deborah Straton, einer jungen Kollegin, die am Schreibtisch schräg gegenüber an einer Story über die New York-Mets schrieb. Lässig stellte Harry seine 1,85 Meter im Drehstuhl zur Schau und kaute dabei auf seinem Kugelschreiber. Er war gerade dabei sich das Rauchen abzugewöhnen. Nachdenklich strich er dabei über sein schwarzes Mets T-Shirt mit der Nummer 29. Ike Davis, der hat es auch geschafft, er spielte jetzt bei den Mets. Gerne hätte er es ihm gleichgetan, doch ein Autounfall in seiner Heimatstadt Petersburg/Virginia vor einigen Jahren, machten seine Baseballträume zu Nichte. Das rechte Knie war seither seine Achillesferse. Deborah blickte kurz auf und drehte sich um. Sie erntete ein Zwinkern und ein strahlend weißes Lächeln. Harry stand auf, holte einen Kamm aus der rechten Gesäßtasche seiner Levis Jeans und kämmt sich wie einst James Dean ein paarmal über sein kurzes Haar.

„Na Debb, darf ich dich zum Abendessen einladen?“, fragte er mit sonorer Stimme.

„Gerne, zum Italiener?“ lächelte sie.

„Wo immer du willst, außer bei mir. Du weißt, ich kann nicht kochen. Aber nach dem Essen könnten wir noch bei mir vorbeischauen, alles andere kann ich ziemlich gut.“ Seine Augenlider zuckten heftig und Deborah sah sich schon in seinen kräftigen Armen.

 

Hildegard Wohlfeil (67)

 

Wie bei einer Dampflok stiegen weiße Wölkchen aus Hildegard Wohlfeihls Mund auf, als sie erneut eine Pause machte und die schwere Einkaufstasche absetzte. Die gut 500 Meter, die sie durch die Ausseerstraße, vom Kaufhaus bis zu ihrer Wohnung zurücklegen musste, waren eine Tortur für die 67- jährige Frau. Der eisige Jänner-Wind und die glatte Straße verlangten ihr alles ab. Abwartend stand sie nun am Gehsteigrand und blickte aus müden, grauen Augen auf die vorbeihastenden Menschen und den regen Verkehr auf der Straße. Keiner würdigte sie eines Blickes. Sie überprüfte mit zittrigen Händen den Sitz ihres grün-weiß karierten Kopftuchs und schob es ordnend ein wenig nach hinten. Das weiße Haarbüschel, das dabei zum Vorschein kam, schob sie geduldig wieder unter den Stoff. Ihre gelben Moonboots standen in modischem Konflikt mit ihrem grünen Lodenmantel, wärmend waren beide allemal und das war das wichtigste. Hildegard Wohlfeil war eine zierliche alte Dame, die der stramme Wind gerne von der Straße geblasen hätte. Da hielten der schwere Mantel und die Einkaufstasche, die sie nun wieder aufnahm, dagegen. Vor vielen Jahren, als ihr Mann noch lebte, war sie mit ihm gemeinsam zum Einkaufen gegangen. Da hatte sie sich immer bei ihm eingehakt. Dieses Gefühl von Sicherheit wurde ihr durch sein Krebsleiden genommen. Kinder hatte Hildegard nie gehabt und wer weiß wo die heute wären. Alte, alleinstehende Menschen, dachte sie, haben es in diesen Tagen nicht leicht. Die weißen Wölkchen stiegen wieder aus ihrem Mund und verdeckten ihr zerfurchtes Gesicht. Nach ungefähr dreißig Metern würde sie wieder eine Pause machen und die vorbeihastenden Menschen und den Verkehr beobachten.

 

Benni (6)

 

Benni wurde von den Nachbarn meist nur „Du Pip´n“ gerufen. Was so viel wie „Lausejunge“ bedeutete, und bei Gott, da hatten Bennis Nachbarn nicht Unrecht. Die Leitnerstraße in Manningen war ein gepflegtes Viertel mit lauter Einfamilienhäusern. Obstbäume, gepflegte Rasenflächen und schmucke Rosenbeete zierten die Vorgärten der Häuser. Wenn der kleine blonde Knirps, mit seiner verkehrt rum aufgesetzten Baseballkappe durch die gepflegten Gärten der Nachbarschaft streifte, war hinterher nichts mehr so wie es vorher war. Benni hinterließ immer irgendwelche Spuren: abgebrochene Rosen, Fußspuren im Blumenbeet, abgeknickte Äste an jungen Bäumen, kurz, seine Eltern, Elfriede und Markus Sandler, konnten sich oft elendslange Vorträge der Nachbarn anhören. Und die ließen sich dann nicht mit einem: „Er ist halt ein aufgeweckter Junge“ abspeisen. Aus Bennis hellblauen Augen blitzte allgegenwärtig Neugier und Abenteuerlust. Sein pausbäckiges Sommersprossengesicht hingegen versuchte das Bild eines Unschuldslamms zu zeichnen. Wenn er mit seiner braunen Cordlatzhose auf Erkundung ging, war meist Gefahr im Verzug. So wie im letzten Frühjahr, als er das Rosenbeet der Metzners von nebenan verwüstet hatte. Der alte Metzner war fuchsteufelswild zu den Sandlers gerannt und  hatte Bennis Vater zur Rede gestellt.

„Ihr Lausejunge“, schrie er aufgebracht in der Zufahrt „hat unser ganzes Rosenbeet umgegraben. Vierzig Wühlmäuse hätten nicht so einen Schaden anrichten können.“

„Es tut mir leid“, sprach Markus Sandler mit ruhiger Stimme „ich weiß schon, dass er mal wieder über die Stränge geschlagen hat. Schuld daran ist die Schule.“

„Die Schule?“ wetterte Metzner „was hat die Schule damit zu tun?“

„Sie haben heute über das Angeln geredet und da ...“

„Was hat das mit meinem Rosenbeet zu tun?“

„Na die aufgelockerte Erde“ meinte Sandler erklärend. „Der Lehrer hat den Jungs erklärt, dass sich Regenwürmer, die hervorragend als Köder geeignet sind, hauptsächlich in aufgelockerter Erde tummeln. Das hat Benni wohl dazu getrieben, einmal genauer nachzuforschen.“

Als Benni plötzlich reumütig seinen kleinen Kopf zwischen den Beinen seines Vaters hindurchsteckte und Metzner unschuldig anblickte, konnte dieser nicht mehr anders, als herzhaft zu lachen.

„Und morgen kommst du zu uns rüber und hilfst mir das Rosenbeet wieder herzurichten“ sagte er mit gewichtiger Stimme.

„Au ja“, piepste Benni „das mache ich.“

 

Katinka Schröder (12)

 

Das spindeldürre Mädchen mit den langen brünetten Haaren saß alleine im Schulhof und las ein Buch. Die feingliedrigen Finger blätterten bedächtig in einem Liebesroman. Sie nutzte jede freie Minute um zu lesen. Ich will eines Tages Schriftstellerin werden, hatte sie einmal zu einigen Mitschülern gesagt. Seitdem war sie eine Einzelgängerin. Sie hatte es nie leicht gehabt, doch ihr enormer Wille und ihre Bescheidenheit halfen ihr oft über schwierige Momente und Enttäuschungen hinweg. Vor drei Jahren verlor Katinka ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall. Seither lebte sie bei ihrer Großmutter in Götzis auf einem Bergbauernhof. Von Wien nach Tirol zu ziehen war nicht leicht für Katinka. Da prallten zwei Welten aufeinander. Eine intellektuelle Gesinnung war im Land der Bergbauern nicht  förderlich bei der Integration. Und eine Träumerin wie Katinka bekam das sehr schnell zu spüren. Die Prosa in ihren Büchern ließ sie all das vergessen. Mal war sie eine Prinzessin, dann wieder eine Ärztin, ein anderes Mal eine Geliebte eines sinnlichen Helden. Wenn ihre froschgrünen  Augen sich in Silben und Wörtern verloren stand die Welt still und nur ihre bebenden Lippen waren Zeichen für innere Unruhe. Ihr Wohlfühlplatz war in einem Korbsessel auf der großen überdachten Veranda des urigen Bergbauernhofes. Im Frühling, Sommer und Herbst nutzte Katinka jede freie Minute, um dort zu lesen oder zu schreiben. In gemütlicher Kleidung, Jeans und T-Shirt, manchmal auch an die Inhalte der Bücher die sie las angepasst, kuschelte sie sich in den Sessel und ließ ihre Gedanken fliegen.  Nur ab und an, wenn der 17 – jährige Thomas seinem Vater, der als Knecht auf dem Hof war, half das Heu in den Schuppen zu bringen, sah sie auf und vergaß für einen Moment die Literatur.