Schreibend beobachten – beobachtend schreiben

 

Übung 1.3

 

 

Wo sich der Himmel sonst tiefblau über das Tal spannt, hängen an diesem Tag graue Watteballen. Aus ihnen fallen winzige kristalline Schneeflocken vor mein Fenster. Plötzlich wird es hell und ein Sonnenstrahl bahnt sich gleißend seinen Weg. Die drei Aluminiumstützen der Wäscheleinen reflektieren das Licht, und auch auf dem Schnee, der den Spielplatz bedeckt, glitzert und funkelt es herzerwärmend. Kein Lufthauch stört das malerische Bild und die Eschen, Erlen und Haselnussbüsche blicken ehrfürchtig hoch. Bald schon wird die Sonne und der zu ihren Wurzeln anschwellende Bach, ihnen unbändige Energie verleihen. Doch noch ist es nicht so weit. Noch hat der Winter das Zepter fest in der Hand. Rauch steigt aus dem Kamin jenes kleinen Häuschens, das am anderen Ufer des Baches in Schnee gehüllt steht. Das steile Dach hat jedoch den meisten Schnee schon wieder abgeschüttelt. Meinen Blick nach Süden gerichtet, sehe ich den Kirchturm von Liezen. Die anthrazitfärbige Dachzwiebel ist an der Oberseite auch mit etwas Schnee bedeckt. Das filigrane Kreuz an der Spitze des Turms hat für Schnee nicht viel übrig und lässt sich vom Wind, der beständig aus nördlicher Richtung weht, die ehernen Arme sauberblasen. Ein Hund bellt, ein Vogel zwitschert, das Bächlein rauscht gedämpft und unermüdlich über das Eis, das sich in den letzten frostigen Tagen an seinen Ufern gebildet hat. Ein weiterer Sonnenstrahl erweckt den Eindruck, als würden Diamanten zu bizarren Formen geschliffen. Der Rauch, der aus dem Nachbarskamin hochsteigt und im Nichts verschwindet, nimmt an Intensität zu. Graue Schwaden zeugen von heimeliger Wärme. Absurd und doch Realität. Der Schneefall nimmt wieder zu, die Sonne hat ihr kurzes Intermezzo beendet. Die blauen Flecken am Himmel sind ergraut. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die schlafenden Bäume. Während ich das Fenster schließe, denke ich, sie sehen irgendwie tot aus. In etwa drei Monaten, werden sie mich vom Gegenteil überzeugen und ihre zarten Knospen in grüne Blätter verwandeln. Und dieses Ritual werden sie Jahr für Jahr zur selben Zeit vollführen, auch dann noch, wenn ich schon lange nicht mehr bin.


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