Übungen 9.1

 

In dieser Übung ging es um das Beschreiben zweier Alltagsszenarien mit unterschiedlicher „Sicht- und Hörweise“. Auf einer halben Seite sollte ich ein Stimmungsbild zeichnen. Da kein Rummelplatz in Liezen zugegen war, musste ich hier gedanklich improvisieren, den Waldspaziergang nahm ich als Anlass zu einer Pause. Gehen Sie mal mit geschlossenen Augen vorsichtig auf einem Waldweg, ihre Ohren werden Augen machen. Umgekehrt ist es, wenn man sich die Ohren fest zuhält.

 

Ein Besuch auf dem Rummelplatz – der Blinde.

 

Ein quäkend monotoner Drehorgelklang beleidigte seine Ohren. Das Lachen und Schreien herumtobender Kinder schlug wie eine Welle über ihm zusammen, entlockte ihm aber ein Lächeln. Das sausende Rasseln eines Kettenkarussells erschreckte ihn. Knapp über dem Kopf kreischende Mädchen, die vermutlich ihre fliegenden Röcke gegen ihre Knie pressten. Ein stetiger Lufthauch zerrte an seinem blonden Haar. Vorsichtig tastete er sich an der kalten Absperrung des Karussell entlang. Der Duft von kandierten Äpfeln, gebratenen Nüssen und flaumiger Zuckerwatte stieg ihm in die Nase. Ein stampfender Rhythmus und quietschender Gummi suggerierte ihm, dass er sich in der Nähe eines Fahrgeschäftes, vermutlich Autoskooter, befand. Hie und da stieß er mit Rummelplatzbesuchern zusammen, die wenig Rücksicht auf seinen Stock und die drei Punkte auf gelbem Grund nahmen. Endlich hatte er seine Parkbank erreicht. Kein Hund bellte, keine Mutter die ihrem Kind Ratschläge in der Sandkiste erteilte, die Geräusche und Gerüche waren aufdringlicher und lauter als sonst. Doch der Rummel würde weiterziehen und die Vögel mit ihrem lieblichen Gesang, sowie die Blumen mit ihren betörenden Düften wieder die Vorherrschaft im Park übernehmen.

 

Ein Waldspaziergang – der Blinde.

 

Der Pfad ist steil und sein Blindenstock tastet nach Wurzeln, Spalten und Unebenheiten. Das Blut rast durch die Halsschlagader und der rasselnde Atem übertönt jedes Geräusch. Nur das schrille Pfeifen eines Bussards, der wohl hoch in den Lüften seine Kreise zieht, ist zu vernehmen. Vorsichtig tasten die Finger nach einer Sitzgelegenheit und streifen dabei über die dicken rauen Wurzeln einer Fichte. Er kennt die Maserung der verschiedenen Wurzeln, seine Frau hat sie ihm bei jedem ihrer Spaziergänge geschildert. Der Wald riecht nach frisch geschlagenem Holz, ein betörend harziger Geruch, der sich mit Moosen und welken Blätter mischt. Plötzlich knackt es unter seinem rechten Schuh. Er bückt sich und greift nach einem rauen kegelförmigen Zapfen. Wie ein Bienenrüssel an einer Blüte tasten seine Fingerkuppen die Erhebungen und Vertiefungen ab. Sein Atem wird flacher und beruhigt sich, die Geräusche des Waldes nehmen zu. Der Ruf eines Buntspechtes duelliert sich mit dem einer Krähe, dem hämmernden Klopfen an einem Baumstamm hat die Krähe nichts entgegenzusetzen. Der Wind spielt mit den Kronen der Fichten, Tannen und Buchen, säuselt ein sanftes Frühlingslied durch den Wald. Manchmal streichelt er ihm sanft über das Gesicht und zupft an Jacke und Hose. Die Sonne muss eine Fenster aufgetan und eine Wolke weggeschoben haben, er spürt ihre wärmenden Strahlen und ein glücklicher Seufzer springt von seinen Lippen.

 

Ein Besuch auf dem Rummelplatz – der Taube.

 

Seine Augen schwelgten in Farben und Formen wohin er auch blickte. Zuckende Lichter in Regenbogenfarben untermalten den Rhythmus der Musik, die für ihn unhörbar schien. Die Autoskooter flitzten wild durcheinander und der Boden hatte weißgrau Schlieren, war gezeichnet von vergeblichen Bremsmanövern. Fasziniert hob er den Blick zu dem Gitternetz, das am Himmel des Zeltes verankert war und die Wagen über ihre langen Stangen mit Strom versorgte. Bläuliche Blitze zuckten jedes Mal auf, wenn zwei bunt lackierte Wagen zusammenstießen. Die Köpfe der Fahrer wurden dann wild hin und her geschleudert. Ein blau-rot lackierter Wagen hatte soeben einen grün-weißen von hinten gerammt. Ein Funkenregen, der vom Gitternetz rieselte ließ in freudig aufjauchzen. Zwei Mädchen sahen ihn entgeistert an und schüttelten ihre Köpfe. Er wusste nicht wie es sich anhört, wenn er freudig jauchzte, aber es schien den beiden nicht gefallen zu haben. Sie drehten sich hämisch grinsend weg und verschwanden mit abfälligen Blicken. Die breite Umrandung aus silbrig glänzendem Aluminium, auf der er stand, zuckte im Takt der Musik und übertrug die wummernden Bässe in seine Bauchgrube. So konnte der Taube die Musik fühlen und stampfte im Takt dazu.

 

Ein Waldspaziergang – der Taube.

 

Die Farben der Blätter leuchteten so intensiv in der herbstlichen Sonne, dass er seine Sonnenbrille aufsetzte, um nicht vom Goldglanz geblendet zu werden. Mitunter wirbelte ein Blatt aufreizend vor seiner Nase herum, und wenn er danach griff, wurde es weggeweht. Es schien als würde der Wind ein Spiel mit ihm treiben. Mit wachen Augen konnte er sehen, wie sich der Wind von allen Seiten anschlich und an Ästen und Baumkronen zerrte, sein Gehör war seit jeher Tod. Zeitweise streichelte der Wind sanft seine Wangen, dann wieder zerrte er vehement an Kleidern und Haaren. Der Wind spielte aber nicht nur mit ihm Katz und Maus. Er blies auch die Blätter hoch ins Geäst der Baumriesen und ließ sie anschließend taumelnd zu Boden gleiten, er schüttelte goldene Nadeln aus den Kronen der Lärchen, er wehte dürre Moose den Abhang hinunter und ließ hie und da einen morschen Ast hinterherpurzeln. Es schien, als würde die Natur auf einer überdimensionalen Flöte spielen und Gräser, Bäume, Sträucher, ja selbst die Vögel im Geäst wiegten sich in den herbstlichen Windmelodien. Der taube Wanderer hatte ein stimmungsvolles Bild vor Augen, die begleitenden Töne lieferte seine Seele, die voll Harmonie mit der Natur tanzte.