Meine erste Bass-Gitarre

 

Meine Fingerkuppen lagen freudig erregt auf zwei kalten, metallischen Verschlüssen. In mich gekehrt hockte ich im Halbdunkel unseres Probenraumes und blickte auf den schwarzen Gitarrenkoffer. Die Kartonage lag zerfetzt in einer Ecke. Der Postbote war vor wenigen Minuten zu meinem besten Freund geworden. Hatte auch Roger Glover von Deep Purple dieses Gefühl gehabt, als er zum ersten Mal sein Instrument aus dem Koffer nahm? Zitterte er auch - so wie ich jetzt?


 

Den muffigen Geruch, die zahllosen Eierkartons, die wir zur Schalldämmung an die Wand geklebt hatten, die uralten Teppichfetzen und das Knacken der Holzdielen, die darunter verborgen lagen, ich nahm nichts mehr wahr. Gemurmel in meinem Rücken, dissonantes Gitarrenstimmen meiner Bandkollegen, ich blendete alles um mich herum aus, so wie ich die Schelte meines Vaters ausgeblendet hatte, nach dem Kauf dieses „sinnlosen“ Instruments. Ravels Bolero im Ohr klappte ich langsam den Deckel hoch. Roter Samt umhüllte die Rundung eines Körpers, schön wie die Venus von Milo doch ungleich geheimnisvoller. „Hol mich hier raus, ich mach dich zum Star“, schien mir der Bass zuzuraunen. Ein Schlag unseres Drummers auf die Snaredrum ließ mich zusammenzucken und herumfahren.


 

Meine Augen waren feucht. Ein 17-jähriger Junge der davon träumte die Bühnen dieser Welt zu rocken, streichelte sanft über den makellosen Klangkörper seiner Gitarre. Mein stolzer Blick ergötzte sich am intensiven Farbenspiel auf dem Korpus, kirschrot, das sich wellenartig in heller werdendem Braun verlor. Vier Stahlsaiten spannten sich straff dem Sattel und der silberglänzenden Klangmechanik entgegen. Die Perlmutteinlagen im Griffbrett blitzten im fahlen Licht der nackten Glühbirne, wie erwartungsfrohe Frauenaugen beim Anblick eines Schmuckstücks. „Rock, hard and heavy“, raunte ich den Saiten zu und spürte, wie sie an meinen Finger rieben, wie Rennpferde in der Start Box. Die schwarzen Tonabnehmer darunter, mattschwarz, scheinbar teilnahmslos – noch! Ich nahm die Gitarre vorsichtig aus ihrem samtigen Bett und hängte sie mir um. Das harte Holz des Resonanzkörpers schmiegte sich an meinen Rumpf, wie die lange vermisste Geliebte.

 

„Komm schon, lass uns proben, mach endlich“, bellte eine Stimme aus irgendeiner Ecke und mir wurde ein Kabel in die Hand gedrückt. Zittrig steckte ich es in die Buchse am unteren Rand des Korpus. Das metallische Knacken war ohrenbetäubend als der Klinkenstecker und die Gitarrenbuchse erstmals zueinanderfanden, ein Aufschrei in heißblütiger Vereinigung. Die silbrig schimmernden Drehregler der Klangmechanik brachten den Bass rasch in Stimmung. Das Brummen des Verstärkers grollte dabei bedrohlich wie Donner in meinem Rücken. Zaghaft, als würde ich den Heiligen Gral in Händen tragen, tastete ich das Griffbrett entlang und fand ein „C“. Dann drehte ich mit der rechten Hand vorsichtig am Lautstärkeregler, der schon ungeduldig auf meine Berührung wartete. Ein sanftes Brummen waberte aus den Boxen und jagte mir wohlige Schauer über den Rücken.

 

„Rock´n Roll“ schrie ich, sprang hoch und zupfte hart an den Saiten. Der Raum erbebte, der Boden vibrierte und die Wände ringsum erzitterten, als ich dem Bass seine Jungfräulichkeit nahm, und mein glückseliger Schrei, begleitete unseren ersten Song an diesem Nachmittag.


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