Der Diebstahl.

 

„Hast du schon mal gestohlen?“ Abrupt endete das Quietschen der Schaukel.  Eine schwarze Wolke schob sich drohend vor die Sonne und verdunkelte den gepflegten Vorgarten. Ein bremsender Turnschuh wirbelte eine feine Staubfahne hoch.

„Bist du verrückt?“ Jakob Grüners tiefblaue Augen blickten mahnend auf seinen siebenjährigen besten Freund. Marko saß scheinbar gelangweilt in der gepflegten Wiese vor seinem Elternhaus. Wie immer trug er seine Schirmmütze verkehrt herum und ein weizenblondes Haarbüschel lugte keck darunter hervor. Seine mandelbraunen Augen, eben noch auf den Holzstab gerichtet, an dem er eifrig schnitzte, richteten sich jetzt tadelnd auf Jakob.

„Du Schisser. Ein Jahr älter als ich und hat Angst davor, etwas Verbotenes zu tun.“ Das war eine unverhohlene Herausforderung.  Jakob saugte hörbar die Luft durch seine sommersprossige Nase. Sein feuerrotes Haar leuchtete in der Sonne wie ein schrilles Alarmsignal. „Hast du denn schon ...?“, fragte er bissig.

„Nein, aber ich würde mich trauen.“

„Spinnst du, wenn wir erwischt werden gibt’s Ärger.“

„Pah ...“ quiekte Marko vergnügt „darum geht es ja. Man soll sich nicht dabei erwischen lassen.“ Er rammte, um seine Worte zu untermauern, den  fertig gespitzten Holzstab in die Wiese, spielte mit verstohlenem Blick auf Jakob mit den abgefallenen Holzspänen und meinte: „Mir ist fad, lass uns was unternehmen.“ Jakob sprang von der grünen Metallschaukel und setzte sich im Schneidersitz neben Marko ins Gras. Mit einem Gefühl böser Vorahnung fragte er: „Was wollen wir unternehmen?“

Marko sprang auf und verschränkte seine dünnen Arme über dem Logo seines Lieblingsvereins. Sein SK-Sturm Trikot mit der Rückennummer 10 war ein Synonym für Schlitzohrigkeit und Spielwitz und er wollte seinem großen Idol Ivica Vastic darin nacheifern. Er blickte auf den mannshohen Fichtenzaun der das Nachbargrundstück umschloss und ein breites Grinsen legte sich auf seine schmalen Lippen.

„Lass uns beim alten Tranninger einen seiner geliebten „James Grieve“ mopsen.“ Jakob blickte Marko ratlos an.

„Was sollen wir klauen?“

„Einen Apfel, du Blödmann. Du weißt doch, wie der alte Tranninger auf seine Äpfel achtet und wie  er immer mit ihnen angibt.“

Marko versuchte nun einen Bauch zu formen, indem er ein Hohlkreuz machte, dann stemmte er beide Fäuste in die Hüften, drückte den Kopf nach unten und stotterte mit kehliger Stimme: „Si ... si ... sind sie nicht wu ... wu ... wunderbar, meine Ja ... Ja ... James Grieve, Frau Mei ... Mei ... Meisterl.“

Jakob kugelte im Gras und hielt sich den Bauch. Das sein blütenweißes „Real-Madrid-Trikot“ dabei Grasflecken abbekam schien ihn nicht weiter zu stören. „Wenn er uns erwischt, dann gibt’s was hinter die Löffel“, mahnte er lachend. „Darum müssen wir ja vorsichtig sein. Auf seine „Ja ... Ja ... James Grieve“ passt der Tranninger auf, wie Mutter auf Vater, wenn wir ins Schwimmbad gehen.“

Die beiden  lachten im Duett und in der Ferne war leises Donnergrollen zu vernehmen. Über den Latten von Tranningers Fichtenzaun flimmerte die Hitze der Augustsonne. Zwei kleine Lausbubenkörper in kurzen Hosen und Fußballtrikots pressten sich geduckt an das warme Holz.

„Wir steigen hinten ein“ raunte Marko Jakob ins Ohr. Ein Klimmzug an der Einzäunung, die sich an einen mit dürren Gräsern bewachsenen Wiesenhang schmiegte, und die beiden Strolche standen im fremden Garten.  Geduckt wie zwei angreifende Großkatzen schlichen sie an der Westseite des weiß gestrichenen Einfamilienhauses entlang. An der vorderen Hausecke angekommen streckt Marko seine geballte Faust kommandierend in die Höhe. Jakob stoppte.

„Da ...“ flüsterte Marko und streckte seinen Arm nach vorne „da sind sie.“

Markos Hand war aber zu weit nach vorne geraten. Eine graue, faltige, behaarte Hand schnellte von der Seite in sein Blickfeld und legte sich wie eine Schraubzwinge um sein Handgelenk.  Erschrocken schrie Marko auf und begann sich verzweifelt zu wehren, doch der eiserne Griff lockerte sich keinen Millimeter. Jakob raste von panischer Angst beflügelt zurück zum Zaun. Als wäre dieser nicht mehr vorhanden schwang er sich darüber hinweg. Sich in Sicherheit wiegend, lag er schwer atmend im Gras und lauschte. Sein Blut pulsierte in seinen Schläfen und erst nach einigen Minuten wagte er, auf den Wiesenhang zu klettern, um über den Zaun in den Garten zu spähen. Was er dort sah ließ ihn schaudern. Unter den ausladenden Ästen eines riesigen Apfelbaums stand Marko, die Hände zu einer Schale gefaltet. Sein konfuser Blick lag auf einem saftig rotgelben James Grieve. Neben ihm stand der alte Tranninger in schmucklosem weißen Ruderleiberl und einer kurzen abgetragenen Lederhose, seine Hand lag auf Markos Schirmmütze. Jakob glaubte seine Ohren nicht zu trauen, als er nun hörte: „Na ..., wie sch ... sch ... schmecken dir meine Ja ... Ja ... James Grieve.“

 

Erst da bemerkte Jakob das hinterlistige Grinsen seines besten Freundes und als ihm der alte Tranninger nun freundlich einladend zuwinkte, durchschaute er das abgekartete Spiel der beiden.


Einige Kommentare meiner Studienleiterin zur Einsendeaufgabe GR02:

 

Mit Ihrem Einstieg packen Sie mich als Leserin. Sie wecken meine Neugier und erreichen damit, dass ich gern weiter lese.

 

Zwei Freunde, Jakob und Marko, unterhalten sich.

Es geht um einen Diebstahl, wobei Marko die treibende Kraft ist.

Ein Konflikt scheint sich anzubahnen, da muss ich einfach weiterlesen!

 

Die wichtigste Aufgabe einer Geschichte: Sie soll dem Leser ein Gefühlserlebnis vermitteln, das heißt Ihr Leser soll Anteil am Geschick der Figuren nehmen. Wie erreichen Sie das? Sie lassen uns Szenen miterleben und zeigen in Nahaufnahme, was geschieht. Sie gehen ganz dicht an Ihre Figuren heran. Sehr gut!

 

Gut finde ich auch, wie Sie Spannung erzeugen, indem Sie Fragen aufwerfen. Sie verschweigen etwas, lassen die Leser zappeln und erreichen damit, dass sie gespannt weiterlesen, um die Fragen beantwortet zu bekommen. Werden die beiden mit ihrem Vorhaben durchkommen? Oder wird es Schwierigkeiten geben?

Das möchte ich wissen und lese neugierig weiter.

 

Sie haben mich mit der spannenden Handlung gut unterhalten, ein roter Faden zieht sich durch die Geschichte, ich kann mir die dargestellten Szenen und Personen gut vorstellen. Es ist Ihnen gut gelungen, die Stimmung der Situation bildhaft darzustellen. Der Leser kann sich in Jakob und Marko hineinversetzen und Sympathie empfinden

 

Am Schluss geht alles gut aus, denn Marko hat ein wenig geblufft.

Diese Aufgabe ist Ihnen gut geglückt. Ihr Text zeugt von einem lebendigen Zugriff auf die Sprache, vor meinem inneren Auge haben Sie Bilder entstehen lassen. Die Momentaufnahme unseres Fotos haben Sie eingebaut, und auch der Schluss ist stimmig.

 

Danke Frau Studienleiterin. Nicht schlecht gelaufen, finde ich ...


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