Diesmal war die Aufgabenstellung einen Dialog zu schreiben im Umfang von 80 Zeilen (was ich etwas überschritten habe).

 

Schreiben Sie einen Dialog, wie er in der erzählenden Prosa vorkommt. Die beiden Figuren sprechen und agieren im Rahmen einer Kurzgeschichte oder eines Romans - sie stehen nicht auf der Bühne. Der Dramendialog ist etwas anderes als der Erzähldialog. Wählen Sie zwei Gesprächspartner, die sich etwas Interessantes zu sagen haben. Sie könnten sich über außergewöhnliche Dinge unterhalten, einen gemeinsamen Plan aushecken, Erinnerungen austauschen oder auch temperamentvoll streiten.

 

Ich wählte ein Treffen zweier Freunde in einem Gastgarten.


 

Die ganze Wahrheit über Mutter

 

„Sie hat mich nicht weggegeben, ich weiß es, ich hab´s gesehen.“ Wie wildes Wasser schäumten jetzt die Worte aus Detlef Dorns Mund, der eben noch ein Stück Calzone zermalmte.

„Wer?“, fragte sein Freund gelangweilt. Kurt Kanzler schob seine Sonnenbrille hoch und blickte interessiert zu vier hübschen Mädchen, die ein paar Tische weiter saßen.

„Na meine Mutter, sie hat mich nicht einfach weggelegt, so wie man ein ungewolltes Kind weglegt. Irgendetwas muss passiert sein vor 29 Jahren.“

„Alter, du warst damals ein Jahr, so wurde es dir zumindest im Waisenhaus gesagt. Dich haben sie vor die Türe gelegt und geläutet. Woher willst du wissen, ob das nicht deine Mutter tat?“ Kanzler nippte an seinem Gin-Tonic.

„Meine Mutter ist mir heute Morgen im Traum erschienen und hat es mir gesagt“, flüsterte Dorn. Kanzler brüllte los. „Aha, im Traum erschienen. Hast du dir heimlich was reingezogen, oder wie?“

„Arschloch, so etwas mache ich nicht.“

Vom Vierertisch blickte ein blondes Mädchen mit Engelshaar zu Dorn herüber.

„Ja wie sonst solltest du auf diese hirnverbrannte Idee kommen, deinen Traum in die Realität zu übertragen?“

„Es war so real und ...“

„Quatsch mit Soße, Träume sind Träume.“

Reifenquietschen! Alle Gäste blickten auf eine nahe Kreuzung, wo ein Wagen scharf gebremst hatte. Eine Mutter mit Kinderwagen stand in der Straßenmitte, die Hand zur Faust geballt.

„Wie kann man nur so hirnverbrannt sein und einen Zebrastreifen nach einer Ecke auf die Straße malen“, polterte Kanzler los, hob sein Glas und leerte es in einem Zug.

„Weißt du, ich habe nie viel an meine Mutter gedacht, ebenso wenig an meinen Vater. Vielleicht hat ja diese Schwester im Waisenhaus alle Gedanken an sie aus mir herausgeprügelt, aber heute Morgen ..., wie ein Engel hat sie ausgesehen, und ihre Hände hat sie nach mir ausgestreckt.“ Dorn nippte versonnen an seinem Mineralwasser.

„Mann, ich glaube du hast einen Sonnenstich. Du redest einen Scheiß daher, das gibt´s ja nicht.“

Das blonde Mädchen blickte erneut zu Dorn, was ihn einerseits erregte, anderseits nervös machte. Da Kanzler von seinem Traum scheinbar nichts hielt, flüsterte er ihm nun zu: „Du Kurt, ich glaub´ die Blonde, die schaut immer zu mir herüber. Schau einmal unauffällig hin, was hältst du von ihr.“

Kanzler glotzte kurz rüber, dann rief er: „Hallo Blondie, willst du dich nicht ein wenig zu uns setzen? Ihr könntet euch alle zu uns setzen.“ Er winkte dabei einladend mit beiden Händen.

„Nein danke, kein Bedarf“, meinte eine mit riesiger Sonnenbrille verächtlich. Kanzler drehte sich wieder zu Dorn. „Zicke!“

„Danke, du Hirni, das war ja sehr unauffällig. Zahlen bitte!“ Der Kellner war eben vorbeigehuscht. „Ich muss noch einen Artikel schreiben, Liezener Tagblatt, du weißt ja.“

„Ich weiß, du Angeber. Warum recherchierst du eigentlich nicht nach deiner Traum-Mutter, Herr Superjournalist.“

Dorns Augen weiteten sich. Plötzlich wirkte er wie ein Zitteraal.

„Das ist ..., ja das ist es! Und wenn ich sie finde, werde ich ihr viele Fragen stellen.“ Dorn bezahlte, verabschiedete sich hastig von seinem Freund und war schon auf der Treppe, als der ihm nachrief: „Und wenn du sie nicht findest, dann schenke ich dir meine, die nörgelnde alte Schachtel.“ Kanzler hielt sein leeres Glas dem Kellner ins Gesicht: „noch ein Gin-Tonic!“

„Übertreib es nicht Kurt, Sonne und Alkohol sind eine gefährliche Kombination“, mahnte Dorn lachend. Das blonde Mädchen lächelte ihm jetzt zu. Detlef Dorn spürte ihre tiefblauen Augen über seine Rücken wandern, als er den Gastgarten verließ. Wer ist dieser Engel, dachte er, wie sie wohl heißt?


Gut gemacht! - Anmerkung der Studienleiterin. Die ausführliche Beurteilung findest du hier.