Du hast mich nun ein halbes Jahr bei meinem Fernstudium an der großen Schule des Schreibens begleitet und vielleicht einen kleinen Einblick bekommen, wie so ein Studium abläuft. Vielleicht hast du ja selbst Lust bekommen und trägst dich mit dem Gedanken Schriftsteller zu werden. Nur zu, es macht unheimlich Spaß und man lernt wirklich jede Menge. Ich habe es bis zu diesem Tage nicht bereut, diesen Schritt getan zu haben. Die große Schule des Schreibens kann ich nur wärmstens empfehlen.

 

Anschließend kannst du den ausführlichen Kommentar meiner Studienleiterin zu meiner Einsendeaufgabe GR06 lesen. Daraus erkennt man, dass sich die Studienleiterin ausführlich mit meinem Dialog beschäftig hat.

 

Damit enden meine Einträge über mein Fernstudium an der großen Schule des Schreibens. Ich will mich in den kommenden zweieinhalb Jahren voll meinen Aufgaben widmen und wer weiß, vielleicht schaffe ich es irgendwann ein lesenswertes Buch zu schreiben. Meine weiteren Einsendeaufgaben werde ich in der Rubrik - Kurzgeschichten - auf meiner Homepage posten. Dort gehören sie ja auch hin.

 

                                                        13. Juni 2011

 

 


Lieber Herr Stadlmann,

 

ich hoffe, Sie hatten schöne Pfingsttage und konnten ein paar geruhsame Stunden genießen.

Auf Ihre Homepage hat es mich noch nicht verschlagen, ich habe lieber erst einmal „Die ganze Wahrheit über Mutter“ gelesen, was mich bestens unterhalten hat. Lebendig und packend, gut gemacht!

 

Der erste Karton Studienhefte ist damit bearbeitet, Sie haben schon die Hälfte der Grundschule geschafft, herzlichen Glückwunsch!

 

Eine packende, lebendige Gesprächsszene war diesmal gefordert, ganz schön anspruchsvoll, nicht wahr? Sie müssen also als Erzähler ganz nah an die Menschen herangehen. Im Film wäre hier die Nahaufnahme angebracht, damit die Zuschauer zusätzlich zur Tonspur, also der Sprache, auch Gesten und Mimik der Figuren mitbekommen. Das haben Sie berücksichtigt, ich kann mir die beiden Freunde im Gespräch lebhaft vorstellen.

 

Die Aufgabe des Dialogs, die Personen zu charakterisieren und die Handlung voranzutreiben, haben Sie ebenfalls gut genutzt. Die direkte Rede soll nicht dahin plätschern, in der Erzählkunst wird sie vor allem als lebendige Darstellung von Gipfelpunkten des Geschehens mit dramatischer Intensität genutzt. Sie haben Ihren Dialog also vorbildlich aufgebaut, denn für Dorn geht es um die Geschichte seiner Herkunft, das wird schnell klar.

 

Sein Freund Kanzler dagegen scheint die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben, er ist enorm von sich und seiner Wirkung überzeugt, wie das Gespräch und sein Verhalten den Mädchen gegenüber zeigt.

 

Gut haben Sie das Charakteristische des Dialogs gebracht: mal rasche Wechselrede, mal längere Passagen, Andeutungen, Enthüllungen.

Selten sprechen Menschen in ihren Unterhaltungen lange ausgefeilte Sätze. Es gibt stattdessen öfter mal eine Pause, Andeutungen und abgebrochene Sätze.

 

Gut haben Sie auch gezeigt, wie die Figuren beim Reden aussehen!

Ab und zu sollten nämlich beschreibende Zutaten eingebaut werden. Experten für Körpersprache sagen sogar: 80 Prozent drückt der Körper mit seiner Haltung und Stimme aus, 20 Prozent nur durch die eigentlichen Worte.

Das ABC der Körpersprache reicht von der Mimik, dem Blickkontakt über Körper- und Armhaltung, dem Stand bis hin zur Gestik.

 

Sie liefern gekonnt wichtige Informationen. Klare Gedankenführung und zügiger Schreibstil zeichnen Ihren Dialog aus. Wir erfahren in dem Gespräch eine ganze Menge über die beiden Freunde.

 

Ein Dialog ist ein Wortwechsel; auch wenn im wirklichen Leben die Rede ausufert, für eine moderne Kurzgeschichte sollte sie auf ein Minimum reduziert werden. Das haben Sie berücksichtigt, nirgends wird Ihr Text langweilig.

 

Die Unterhaltung haben Sie lebendig und natürlich aufs Papier gebracht, und auch die Zwischentexte (das sind Kommentare, Unterbrechungen etc.) stimmen. Das ist wichtig, denn Dialog und Zwischentext müssen gut aufeinander abgestimmt sein, damit die Geschichte einerseits nicht zu langweilig wird (zu viele Beschreibungen), aber auch nicht aussieht wie ein Theaterstück (zu viel Dialog).

 

Die Hürde „Dialog“ haben Sie nun genommen. Mein Rat zum weiteren Üben:

Lesen Sie kritisch die Geschichten anderer Autoren. Achten Sie bei Ihrer Lektüre ab jetzt besonders auf die Dialoge. Welche Dialoge gefallen Ihnen? Wann halten Sie die direkte Rede eher für schwach? Lernen Sie aus den Fehlern anderer und natürlich besonders aus den guten Passagen. Lassen Sie sich auch von Gesprächen, die Sie hören inspirieren und machen Sie daraus knappe, packende Wortwechsel.

 

Nun möchte ich Ihre Energie für die zweite Hälfte der Grundstufe noch etwas anstacheln, hier kommen ein paar Sätze von Erfolgsautor Stephen King:

 

„Zwar kann man aus einem schlechten Schriftsteller keinen begabten und aus einem guten Schriftsteller kein Genie machen, doch ist es mit sehr viel harter Arbeit, Hingabe und Unterstützung im richtigen Moment durchaus möglich, von einem begabten zu einem guten Autor zu werden.“

 

Damit meine Unterstützung zum Vorwärtskommen beiträgt, hier noch ein Tipp für die nächste Aufgabe: Schauen Sie sich das Bild genau an. Fragen Sie sich: Wer erzählt die Geschichte? Ein Beobachter? Oder eine der Personen auf dem Bild? Soll es eine Ich-Erzählung werden? Überlegen Sie sich gut, was Sie beim Leser erreichen wollen!

Das wird auch der geforderten Gliederung gut bekommen. Falls Sie Schwierigkeiten damit haben, schauen Sie gern auch noch einmal in Lehrheft 5. Die Zusammenfassung der zehnten Lektion enthält wertvolle Hinweise für Sie.

 

Für heute verabschiede ich mich von Ihnen und sende herzliche Grüße

 

Ihre Studienleiterin