Warum ich schreiben lernen will

 

Was geht in einem Menschen vor, der sein Leben einfach wegwirft. Der es wegwirft, als wäre es ein benutztes Taschentuch, das seinen Zweck erfüllt hat. Ein Leben, das zerplatzte wie eine Seifenblase. In schillernden Regenbogenfarben schwebte diese Seifenblase leicht wie eine Feder jahrelang dahin. Die Seifenblase sah  jene spitze Nadel nicht, die tief im Innersten dieses Menschen seit 32 Jahren heranwuchs. Langsam, beständig, unsichtbar, hatte sich die Nadel an kleinen Sorgen, kleinen Problemen und seinem unsteten Lebenswandel genährt. Die Seifenblase war unachtsam und gaukelte sich eine heile Welt vor. Doch sie war schon lange nicht mehr heil. Der Knall war ohrenbetäubend, als die spitze Nadel in die fragile Haut der Seifenblase eindrang. Sie zerplatzte in Millionen kleiner Tropfen. Danach herrschte Stille. Der Mensch ging zur Tür hinaus und weinte. Er weinte Wochen und Monate und konnte einfach nicht verstehen, warum ihn seine Seifenblase im Stich gelassen hatte. Ihn, der immer gut zu ihr gewesen war, der ihr jeden Spaß, jede Freiheit gegönnt hatte, auf ihren ausschweifenden Flügen durch das Leben, der sie immer verteidigt hatte, wenn seine Frau der Ansicht gewesen war, es wäre an der Zeit, sich von dieser Seifenblase zu verabschieden. Seine Seifenblase war ihm so vertraut, so vertraut, dass sich der Mensch ein Leben ohne sie nicht vorstellen konnte.  Aus und vorbei. Die Seifenblase war nicht mehr zu heilen, sie hatte sich in ihre Atome aufgelöst.  Alles, was diesem Menschen blieb, war eine uferlose Leere. Er fühlte nichts mehr. Keine Freude, keinen Schmerz, keine Liebe, nicht die Sonne, nicht den Wind auf seiner Haut. Antriebslos, in eisige Kälte gehüllt, starrte er monatelang schwarze Löcher in sein Zimmer. Er sah seine Familie nicht mehr, die ihn liebte und sich um ihn sorgte. Er sah nicht ihren Schmerz darüber, dass sie nicht zu ihm durchdringen konnten. Er war nur mehr eine leere Hülle, die sich müde und apathisch durch die Wohnung schleppte, von einem Raum zum nächsten. Glanzlose Augen wiesen der Hülle den Weg. Kraftlose Beine stützten diese Hülle, die rapide gealtert war und aus der jede Hoffnung, jede Zuversicht und jeder Wille gewichen schien. Zittrige Hände hielten Messer und Gabel, während totgeweinte Augen müde auf den Teller starrten. Dass seine Familie darunter zu leiden hatte, war ihm egal. Er bemerkte es nicht. Diesem Menschen war alles egal. Es wäre ihm egal gewesen, wenn sich der letzte Funken Leben, der sich tief im Innersten seiner Hülle verborgen hielt, ins Nirwana verabschiedet hätte. Er konnte und wollte ohne seine bunt schillernde Seifenblase nicht mehr weiterleben. Ohne sie war es kein Leben, nur unerträgliche Qual. Niemand kann mir helfen, dachte der Mensch, niemand kann meine Seifenblase wieder heilen. Nicht einmal Gott, da war er sich absolut sicher. Und darum weinte er, in der Hoffnung, seine Tränen würden eine neue Seifenblase hervorzaubern, mit der er den Rest seines Lebens verbringen konnte. Er wünschte es sich so sehr, doch bei einem schweren Burnout sind erfüllbare Wünsche so unerreichbar, wie die Sterne am Nachthimmel. Es sollte viel Zeit vergehen, ehe eine winzige Seifenblase sein Herz wieder zum Pulsieren brachte. Ihr fehlten die schillernden Regenbogenfarben, aber die würden noch wachsen. Und so dachte der Mensch in jenen Tagen: Ist es wirklich möglich, meine Sterne neu zu ordnen? Ist es wirklich möglich, den Schmerz zu vergessen und neu zu beginnen? Verloren in der Einsamkeit seiner  kalten Seele, belebten diese Gedanken seine Hülle. Er begann zu schreiben. Schrieb über seine Angst, seine Hoffnungslosigkeit, seine Wut, seine Tränen und er spürte Erleichterung, bei jeder Silbe die er tippte. Er spürte, wie seine neue Seifenblase heranwuchs und an Farbe gewann. So fasste er einen Entschluss: Ich wünsche mir, Schriftsteller zu werden.

 

Mit fünfzig Jahren neu zu beginnen,  hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht vorhergesehen. Und schon gar nicht als Schriftsteller. Doch seit ich mein erstes Buch: „Zeit der Tränen – Ausgebrannt“ geschrieben habe, rumort es positiv in meinem Innersten. Jede Silbe, jedes Wort, das ich seit 2008 schrieb, ist mir ans Herz gewachsen und hält meine neue Seifenblase am Leben. Sie hat an Stärke gewonnen, ist nicht mehr so fragil und sie ist zur Schatzkammer für alle meine Gedanken geworden. Meine Frau, mit der ich seit 25 Jahren verheiratet bin, unterstützt mich auf meinem Weg. Und vielleicht lerne ich ja eines Tages ein Kinderbuch zu schreiben, für die zukünftigen Kinder meiner beiden Töchter, wer weiß?

 

Das war und ist mein Leben, und ich hege und pflege meine kleine Seifenblase mit Bedacht. Mit Übung und etwas Führung wird sie eines Tages ihr schriftstellerisches Regenbogenkleid anziehen. Dass dies nicht einfach sein wird, dessen bin ich mir bewusst. Doch was habe ich zu verlieren? Wer wie ich in die Verdammnis geblickt hat, wer wie ich seine Augäpfel in Tränen gebadet hat, wer wie ich einen Hoffnungsschimmer als hell leuchtende Sonne am blauen Himmel wahrgenommen hat, der denkt in anderen Dimensionen. In Dimensionen, wo die Angst, mein schriftstellerisches Talent könnte nicht ausreichend sein, nichts anderes ist als lästige Mückenstiche an einem lauen Sommerabend. Mein Leben ist nach dunklen Tagen wieder mit schöpferischem Licht gefüllt. Ich möchte mit meinen Ideen und der nötigen Technik, die ich mir noch aneignen werde, meine Leser mit Freude, Spannung, Emotionen und Spaß beschenken. Und ich will die Welt wieder mit kindlicher Neugier betrachten. Ich will lernen wieder zu sehen, um das Gesehene in Worte zu fassen und Bilder in die Köpfe meiner Leser zu malen. Ich will atemlose Stille, aufgeregtes Gemurmel, schockierte Blicke, lachende Lippen bei meinen Lesungen sehen, und wenn am Schluss der Applaus aufbrandet, dann habe ich mir meinen Wunsch – Schriftsteller zu werden – erfüllt. Dann werde ich aufstehen und mich verbeugen.

 


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